Häuserruinen stehen neben einem Wäldchen. | Andrea Beer/wdr
Reportage

Dorf bei Charkiw Befreit, aber noch nicht friedlich

Stand: 21.05.2022 10:12 Uhr

Obwohl das kleine Dorf Kutusiwka von der russischen Besatzung befreit ist, bleiben die Bewohner vorsichtig. Zwanzig Menschen harren im Keller eines Kindergartens aus. Die Kämpfe sind weiter bedrohlich nahe.

Von Andrea Beer, ARD-Studio Moskau, zzt. Charkiw

Das kleine Dorf Kutusiwka ist von der russischen Besatzung befreit, doch die Kämpfe zwischen ukrainischer und russischer Armee sind weiter bedrohlich nahe. Nadjeschda bleibt deswegen lieber noch in dem dunklen großen Keller des Kindergartens, in dem sich die 77-Jährige trotz der muffigen Feuchtigkeit sicherer fühlt als zu Hause.

Andrea Beer ARD-Studio Moskau

"Ich wohne im vierten Stock und das Gebäude ist von zwei Seiten kaputt aber ich bin in der Mitte - genauer gesagt ich war es. Jetzt sind noch die vier Katzen dort", erzählt Nadjeschda. "Die Besatzer haben dort gewohnt und so wurde dort nicht beschossen. Ich bin vorbei gegangen und habe gegrüßt, aber sie haben nicht geantwortet. Dann sind andere gekommen und dann wieder andere und ich hatte Angst, etwas zu sagen. Dann stellte sich heraus, dass es unsere Panzerfahrer waren, ja wirklich, unsere."

Gemeinsam mit mehr als zwanzig vorwiegend alten Menschen und einem kleinen Jungen harrt sie hier unten aus. Obwohl ein selbstgebauter kleiner Ofen die stickige Luft beheizt, trägt sie zwei Jacken übereinander.

Auch diese beiden Frauen haben im Keller des Kindergartens Schutz gesucht. | Andrea Beer/wdr

Auch diese beiden Frauen haben im Keller des Kindergartens Schutz gesucht. Bild: Andrea Beer/wdr

Es reichte hinten und vorne nicht

Ein Vogel singt aus der Dunkelheit und plötzlich kommt Leben in die Gruppe. Der Vogelkäfig steht nahe einem Kindertisch mit Malsachen. Angeschafft für die rund 40 Kinder, die während der Besatzung hier noch mit eingesperrt waren, erzählt Ludmilla auf der Kellertreppe.

"Der Beschuss war so stark, dass wir uns die ganze Zeit versteckt haben. Sieben Menschen sind ums Leben gekommen", sagt Ludmilla. "Einige durch Explosionen, andere durch Splitter von Artillerie. Eine Frau starb durch einen Schuss in den Bauch, weil sie nicht mehr rechtzeitig ins Haus kommen konnte. Sie wurde in eine Decke gewickelt beerdigt und in ein Loch gelegt. Alte sind gestorben. Sie wurden im Wald beerdigt, weil die Besatzer den Friedhof vermint haben, auch mit Sprengfallen. Traurig ist dafür gar kein Ausdruck."

"Die Besatzer kamen in einer Nacht Anfang März. Sie verhängten eine lange Sperrstunde und abends musste man im Keller sitzen", ergänzt Ludmillas Mann Nikolai Dmitrjewitsch. "Sie haben uns gezwungen, weiße Bänder um den Arm zu tragen." Jeder aus dem Dorf brachte was an Essen und Medikamenten vorrätig war, doch es reichte hinten und vorne nicht.

Im Keller des Kindergartens von Kutusiwka stehen Möbel und Taschen. | Andrea Beer/wdr

Im Keller des Kindergartens von Kutusiwka stehen Möbel und Taschen. Bild: Andrea Beer/wdr

Wüstes Chaos im Kulturzentrum

"Die Besatzer haben überall im Dorf gewohnt", so beschreibt Konstantin die Besatzung des Dorfs nordöstlich von Charkiw. Massenhinrichtungen von Zivilisten und Vergewaltigungen habe es nicht gegeben, meint der etwa 40-Jährige, während er durch die zerbombten Ruinen geht, die einmal Kutusiwka waren.

Auch im örtlichen Kulturzentrum hat die russische Armee ein wüstes Chaos hinterlassen: zerstörte Inneneinrichtung, Patronenhülsen, Essensreste, russische Propaganda-Abzeichen, leere Flaschen. Im Hof steht nun ein ukrainischer Soldat.  

"Die Menschen umarmen und küssen uns immer noch wenn sie uns sehen", erzählt er. "Großmütter weinen. Ich war der Einzige, der Zivilisten auch während der Besatzung hier herausgeholt hat. Die Menschen weinten dann, wenn sie Brot bekamen. Es ist schwer das zu erzählen."

Das Kulturhaus von Kutusiwka wurde verwüstet. | Andrea Beer/wdr

Das Kulturhaus von Kutusiwka wurde verwüstet. Bild: Andrea Beer/wdr

Pakete für Russland waren schon gepackt

Handys, Geld, Autos, Kleidung, Besteck Computer, Fernseher, ja sogar Traktoren - die Besatzer hätten alles geraubt, was nicht niet- und nagelfest war, fährt er fort. Pakete für Russland seien schon gepackt gewesen.

In Kutusiwka waren russische Omon-Spezialeinheiten, Tschetschenen und Angehörige der selbsternannten Volksrepubliken Donzek und Luhansk aus der Ostukraine, erzählen Bewohner und ukrainisches Militär. Die Besatzer seien am Ende feige geflohen teils in Zivilkleidung, so der ukrainische Soldat. Rund einhundert Meter weiter liegt ein toter russischer Soldat im Gras. Gekrümmt, in Uniform. Fliegen umschwirren seinen Kopf.

Ausgebrannte Militärfahrzeuge stehen an einer Straße nordöstlich von Charkiw. | Andrea Beer/wdr

Ausgebrannte Militärfahrzeuge stehen an einer Straße nordöstlich von Charkiw. Bild: Andrea Beer/wdr

Zurück zur 77-jährigen Nadjeschda im dunklen Keller des Kindergartens von Kutusiwka. "Warum wollen uns die Russen töten?", fragt sie sich immer wieder. "Warum nur? Ich verstehe das einfach nicht. Meine Kinder, meine Enkel und meine Urenkel, sie alle wohnen in Russland. Sollen sie jetzt meine Feinde sein? Und was für eine Art von Feind bin ich denn jetzt? Wie konnte das nur soweit kommen, hätten sie das nicht friedlich lösen können?"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Mai 2022 um 06:16 Uhr.