Eine Frau weint während eines Ostergottesdienstes in der Nähe von Kiew | AP

Krieg gegen die Ukraine Viele Kämpfe statt Osterfrieden

Stand: 24.04.2022 12:07 Uhr

Trotz des orthodoxen Osterfestes gehen die Kämpfe in der Ukraine weiter. In Mariupol wurde das belagerte Stahlwerk Azovstal aus der Luft angegriffen. In Kiew werden heute erstmals zwei US-Minister erwartet.

60 Tage dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine inzwischen und auch am heutigen orthodoxen Ostersonntag wird weiter gekämpft - insbesondere im Osten des Landes und in der Stadt Mariupol.

Der Generalstab der ukrainischen Armee erklärte, die Russen hätten ukrainische Positionen entlang der gesamten Kontaktlinie beschossen. Das russische Militär habe zudem seine Offensiv- und Sturmoperationen in den Richtungen Sjewjerodonezk, Kurachiw und Popasna verstärkt. Russland versucht, die vollständige Kontrolle über das industrielle Herz der Ukraine im Donbass zu erringen.

Ukraine fordert "echten Osterfrieden in Mariupol"

Der Gouverneur der Region Luhansk, Serhij Hajdaj, erklärte, mindestens acht Menschen seien bei russischem Beschuss getötet worden. Zwei weitere seien in den vergangenen 24 Stunden verletzt worden.

Der Generalstab fügte hinzu, russische Streitkräfte hätten auch weiterhin das belagerte Stahlwerk Azovstal in Mariupol aus der Luft angegriffen. Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sagte, es werde mit schweren Bomben aus der Luft und Artillerie attackiert. In dem Werk sollen auch zahlreiche Zivilisten Zuflucht gesucht haben.

Podoljak, der auch ein führender Unterhändler bei den Verhandlungen mit Russland ist, forderte die Führung in Moskau anlässlich des orthodoxen Osterfestes zu einem "echten Osterfrieden in Mariupol" auf. Russland müsse "an die Reste seines Rufs denken" und einem sofortigen humanitären Korridor für die Zivilbevölkerung und gesonderten Gesprächen für einen Austausch von Militärs und Zivilisten zustimmen.

Russland sprach derweil davon, es seien neun militärische Ziele mit Raketen beschossen worden. Darunter seien vier Depots in der Region Charkiw im Nordosten der Ukraine gewesen, in denen Artilleriewaffen gelagert gewesen seien.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Großbritannien: Ukraine an allen Fronten stark

Nach britischen Angaben haben die ukrainischen Streitkräfte in dieser Woche aber auch zahlreiche russische Angriffe entlang der Kontaktlinie in der Donbass-Region zurückgeschlagen. Trotz einiger russischer Geländegewinne sei der ukrainische Widerstand an allen Fronten stark gewesen und habe den Streitkräften Russlands erhebliche Verluste zugefügt, twitterte das britische Verteidigungsministerium mit Verweis auf einen regelmäßigen Lagebericht des Militärgeheimdienstes. "Die schlechte Moral der russischen Truppen und die begrenzte Zeit für die Wiederherstellung, Neuausrüstung und Reorganisation der Kräfte nach früheren Offensiven behindern wahrscheinlich die russische Kampfeffizienz", heißt es in dem Lagebericht weiter.

Nach zwei Monaten Krieg hat Russland etwa 80 Prozent des Gebiets Luhansk und die Hälfte des Gebiets Donezk eingenommen. Hinzu kommen größere Geländegewinne im Gebiet Charkiw, wodurch die Gefahr einer Einkesselung ukrainischer Truppen in der Region weiter besteht.

Russischer Kommandoposten in Charkiw zerstört

In der südukrainischen Stadt Cherson zerstörte das ukrainische Militär nach eigenen Angaben einen russischen Kommandoposten. Cherson war früh im Krieg von russischen Streitkräften eingenommen worden. Der ukrainische Militärgeheimdienst erklärte, der Kommandoposten sei bereits am Freitag getroffen worden, zwei Generäle seien getötet und einer schwer verletzt worden.

Ein Berater des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, Olexij Arestowytsch, sagte in einem Online-Interview, 50 führende russische Offiziere hätten sich in dem Kommandozentrum aufgehalten, als es angegriffen wurde. Ihr Schicksal sei unbekannt, sagte er. Das russische Militär kommentierte die ukrainischen Angaben nicht, die nicht unabhängig bestätigt werden konnten.

Selenskyj wünscht sich Druck der USA auf Deutschland

Während die erbitterten Kämpfe weitergehen, bereitet sich die Ukraine auf den ersten Besuch von US-Regierungsvertretern seit Beginn des russischen Angriffs vor zwei Monaten vor. Heute werde er ein Treffen mit dem US-Verteidigungsminister Lloyd Austin und mit Außenminister Antony Blinken haben, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. "Ich denke nicht, dass es ein großes Geheimnis ist."

Mit Austin und Blinken werde er über die "Liste der notwendigen Waffen und über die Geschwindigkeit ihrer Lieferung" reden, kündigte Selenskyj an. Die US-Ministerien äußerten sich zunächst nicht zu den Reisen. In den vergangenen Wochen hatten diverse europäische Regierungschefs und auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Kiew besucht.

Selenskyj sagte, er erhoffe sich von den USA auch Unterstützung für Waffenlieferungen aus Deutschland: "Damit sie (Deutschland) damit beginnen, das zu liefern, was sie haben und das, was sie gerade nicht nutzen." In der Ampelkoalition gibt es Druck von Grünen und FDP auf SPD-Kanzler Olaf Scholz, die Waffenlieferungen auszubauen.

Filtrationslager und Zwangsrekrutierungen

Selenskyj kritisierte in seiner täglichen Videoansprache scharf die vom russischen Militär in besetzten Gebieten eingerichteten Filtrationslager. In ihnen sollen nach offizieller Darstellung eventuelle Kämpfer von Zivilisten getrennt werden. "Der ehrliche Name dafür ist ein anderer - das sind Konzentrationslager. So wie sie die Nazis seinerzeit gebaut haben", sagte Selenskyj.

Er kritisierte, dass Ukrainer aus diesen Lagern auch nach Russland gebracht würden. "Unter anderem deportieren sie Kinder - in der Hoffnung, dass sie vergessen, wo sie herkommen, wo ihr Zuhause ist." Nach Angaben der ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Ljudmyla Denisowa wurden 308 Ukrainer aus dem schwer zerstörten Mariupol in eine 8000 Kilometer entfernte Stadt im russischen Fernen Osten gebracht.

Die Ukraine wirft russischen Truppen auch eine Zwangsrekrutierung von Einwohnern in besetzten Gebieten vor. Neben jungen Menschen seien davon in den Regionen Cherson, Saporischja und Charkiw speziell auch Mediziner betroffen, schrieb die ukrainische Militäraufklärung bei Facebook. So sei medizinisches Personal aus der Stadt Wowtschansk im Gebiet Charkiw unter Androhung von Hinrichtungen gezwungen worden, russische Soldaten an der Front zu behandeln.

Im Gebiet Saporischja suchten russisches Militär und Geheimdienstler nach Personen im Wehrpflichtigen-Alter, schrieb die Militäraufklärung weiter. Es heiße, dass sie russische Einheiten verstärken sollen. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. April 2022 um 09:00 Uhr.