Rauch steigt aus dem zerstörten Asowstahlwerk auf. | REUTERS

Stahlwerk in Mariupol "Das sind auch Menschen mit Familien"

Stand: 12.05.2022 09:26 Uhr

Während viele Zivilisten das belagerte Asow-Stahlwerk in Mariupol verlassen konnten, gibt es für die Kämpfer wenig Hoffnung auf Rettung. Ihre Familienangehörigen flehen die Welt an, sie herauszuholen.

Von Palina​ Milling, WDR, für das ARD-Studio Moskau

Marina* muss bei jedem Satz um Fassung ringen, das hört man am Telefon deutlich. Sie ist in großer Sorge um ihren Mann. Er gehöre zur Armee, obwohl er eigentlich kein Soldat sei. Jetzt harre er mit den anderen auf dem Gelände von Asowstal aus, erzählt sie.

Palina Milling
Asowstahl wird ständig bombardiert. Die Situation ist kritisch. Es gibt kein Wasser, kein Essen. Medikamente gibt es auch nicht. Mein Mann ist verletzt, seit mehr als zwei Wochen. Er muss dringend operiert werden. Sie gingen raus, um Wasser zu holen und gerieten unter Beschuss. Er wurde von einem Splitter getroffen.

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Bilder aus dem Asow-Stahlwerk

"Das ist der Horror"

Im Werk befinde sich nicht nur ihr Mann, sondern auch ihr jüngerer Bruder. Aus Angst um die beiden spricht sie nur unter einem falschen Namen darüber. Sie hat ihren Mann seit langem nicht gesprochen. Über seinen Zustand erfährt sie aus kurzen Nachrichten, die die Kämpfer hin und wieder verschicken. Mobilfunk- und Internetverbindung nach Mariupol gibt es kaum "Es sind nur ein paar Brocken", sagt Marina. "Sie schreiben dann, sie würden durchhalten, aber die Situation sei äußerst schwer. So ungefähr. Sie schreiben immer nur zwei, drei Worte."

Immerhin ein Lebenszeichen. Etwa 600 Verwundete gibt es laut dortigen Verteidigern in den Bunkern von Asowstal. "Die Menschen sterben an ihren Schmerzen, an verschiedenen Infektionen, an Sepsis", sagt Marina. "Das ist ja kein Krankenhaus. Antibiotika und jegliche Arzneimittel fehlen. Dort ist nichts steril, das ist sehr schwer. Denn es befinden sich viele Verletzte dort. Es gibt keine Betäubungsmittel. Alles tut weh, sie haben alle einfach offene Wunden. Das ist der Horror."

Diese Woche meldeten die Militärs, dass ein provisorisches Feldspital durch einen Angriff verschüttet worden sei. Es lässt sich nicht unabhängig überprüfen. Aktuelle Videos vom Werk zeigen Rauchschwaden und schiere Verwüstung auf dem Gelände.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Angehörige bitten um "Extraction-Verfahren"

Die ukrainische Regierung und Präsident Wolodymyr Selenskyj persönlich beteuern, sich täglich um eine Lösung für die Verletzten und die Soldaten zu kümmern. Militärisch sei das nicht realistisch. Man bemühe sich auf allen diplomatischen Wegen. Russland wolle aber die Soldaten nicht herauslassen, sagt Selenskij.

Die Kämpfer und ihre Angehörigen bitten deshalb um das sogenannte Extraction-Verfahren. Dieses Verfahren sieht vor, dass Menschen per Helikopter oder Schiff in Sicherheit gebracht werden. Von einem Drittstaat und über einen neutralen Boden. "Wir haben uns schon an die Präsidenten der Türkei und Israels gewandt, haben nach Schweden geschrieben. Überall hin, wo es nur geht", sagt Marina. "Wir haben auch eine Petition unterzeichnet, damit Extraction stattfindet. Denn wir sehen keinen anderen Ausweg momentan."

"Wir warten, dass sie lebendig zurückkehren"

Russland forderte die Asowstal-Verteidiger mehrmals auf, sich zu ergeben. Das lehnen die Soldaten weiter ab. Sie glauben, in Gefangenschaft warte der sichere Tod auf sie. Für die Rettung setzen sich nun ihre Frauen, Mütter, Töchter und Schwestern ein - mit Videoaufrufen, Interviews, Kundgebungen. "Wir sind sehr viele, und alle tun, was sie können", sagt Marina. "Wir beten, aber wir wissen, dass das nicht reicht. Wir müssen noch mehr tun."

Aus Asowstal wurden bisher rund 200 Zivilisten in Sicherheit gebracht. Ob sich noch weitere auf dem Gelände aufhalten, ist unklar. Die Separatisten gehen davon aus, es gebe dort keine mehr. Der Donezker Separatistenanführer Denis Puschilin gab zu verstehen, man habe bei den Angriffen auf Asowstal deshalb freie Hand. Ein Alptraum für die ukrainischen Militärs. "Das sind auch Menschen", sagt Marina. "Menschen, die Familien und Kinder haben. Und wir warten auf sie zu Hause. Wir warten, dass sie lebendig zurückkehren."

Die Zeit, das noch zu erreichen, wird immer knapper.

* Name von der Redaktion geändert.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. Mai 2022 um 09:00 Uhr.