Ein Soldat mit russischer Flagge auf der Uniform vor dem ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja. | REUTERS

Erneuter Beschuss gemeldet Neue Sorgen um AKW Saporischschja

Stand: 13.08.2022 23:09 Uhr

Am ukrainischen AKW Saporischschja gehen die Kämpfe offenbar weiter - trotz internationaler Bemühungen um eine Deeskalation. Nach ukrainischen Angaben wurde das Gelände von russischer Seite erneut beschossen.

Russische Truppen haben nach ukrainischen Angaben das Gelände des Atomkraftwerks Saporischschja unter Feuer genommen. Der Beschuss sei von einem wenige Kilometer entfernten Dorf aus erfolgt und habe eine Pumpstation und eine Feuerwache beschädigt, teilte der ukrainische Militärgeheimdienst mit.

Zuvor hätten die russischen Truppen Menschen in das Kraftwerk gebracht und eine ukrainische Flagge am Rande der Stadt Enerhodar gehisst, zu dessen Territorium die Anlage gehört. Offensichtlich werde das Kraftwerk "für eine weitere Provokation genutzt, um dann die Streitkräfte der Ukraine zu beschuldigen", teilte der Geheimdienst mit, ohne Einzelheiten zu nennen.

Die ukrainische Atombehörde Energoatom forderte die Anwohner im Messengerdienst Telegram auf, die "Präsenz in den Straßen" von Enerhodar zu beschränken. "Wir haben Informationen über neue Provokationen von Seiten der Besatzer". Energoatom verwies auf eine Mitteilung eines Behördenvertreters der weiterhin von Kiew kontrollierten Stadt Enerhodar. Nach Angaben von Bewohnern gebe es erneut Bombenangriffe in Richtung der Atomzentrale Saporischschja. "Die Intervalle zwischen dem Abschuss und dem Einschlag liegen zwischen drei und fünf Sekunden."

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. | ISW/12.08.2022

Weiß schraffiert: Vormarsch der russischen Armee. Grün schraffiert: von Russland unterstützte Separatistengebiete. Krim: von Russland annektiert. Bild: ISW/12.08.2022

Atomkraftwerk als Schutzschild?

Von Seiten der Ukraine hieß es wiederholt, die russischen Streitkräfte benutzten das Atomkraftwerk als Schutzschild, während sie die Ortschaften auf der anderen Seite des Dnjepr beschossen - wohl wissend, dass das ukrainische Militär aus Sorgen vor einem Atomunglück nicht zurückschießen werde. Gestern Abend habe der russische Beschuss einer Frau in der Stadt Saporischschja das Leben gekostet, teilte die ukrainische Seite mit. Zwei weitere Zivilisten seien verletzt worden.

Die von Moskau eingesetzte Verwaltung in den russisch kontrollierten Gebieten warf wiederum den ukrainischen Truppen vor, für die Angriffe verantwortlich zu sein. "Enerhodar und das AKW Saporischschja sind erneut unter Beschuss der Anhänger" des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, erklärte Wladimir Rogow, Mitglied der prorussischen Zivil- und Militärverwaltung. Projektile seien auf "Gebiete am Ufer des Dnjepr und auf das AKW-Gelände" gefallen.

EU für Demilitarisierung von AKW Saporischschja

Der Fluss Dnjepr trennt die von den Russen und die von der Ukraine kontrollierten Gebiete. Die beiden Konfliktparteien hatten sich in der vergangenen Woche wiederholt gegenseitig für Angriffe auf das AKW verantwortlich gemacht. Die Raketenangriffe wecken Befürchtungen vor einer Katastrophe am größten Atomkraftwerk Europas. Russische Truppen kontrollieren die Anlage Saporischschja seit den ersten Tagen der russischen Invasion. Sie wird allerdings immer noch von ukrainischen Mitarbeitern betrieben. Nach den ersten Angriffen am 5. August musste ein Reaktor heruntergefahren werden. Bei Angriffen am Donnerstag wurden eine Pumpstation und Strahlungssensoren beschädigt. 

Die ukrainischen Behörden und westliche Verbündete fordern eine entmilitarisierte Zone rund um das AKW und einen Abzug der russischen Truppen, die das AKW seit März besetzt halten. Gestern twitterte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell, das AKW dürfe nicht in militärische Auseinandersetzungen hineingezogen werden. Er unterstütze Forderungen nach einer Demilitarisierung des Gebietes und dringe auf einen Besuch von Experten der Internationalen Atomenergiebehörde.

Selenskyj fordert Sanktionen gegen Russlands Atomindustrie

Wegen der russischen Angriffe rief der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Westen zu Sanktionen gegen Russlands Atomindustrie auf. Die Strafmaßnahmen müssten die Nuklearindustrie des Aggressorstaates treffen, sagte Selenskyj in seiner abendlichen Videoansprache. Russland benutze das Atomkraftwerk, um die Menschen in Angst zu versetzen sowie um die ukrainische Führung und die ganze Welt zu erpressen. Er warf den russischen Truppen vor, das Gelände als Festung zu nutzen, um von dort auf die Kleinstädte Nikopol und Marhanez zu schießen.

Selenskyj warnte davor, dass der Aufmarsch russischer Truppen auf dem Areal des AKW "die radioaktive Bedrohung für Europa so erhöht, wie es sie nicht einmal zu den schwierigsten Augenblicken der Konfrontation in den Zeiten des Kalten Krieges gab". Zugleich drohte der Präsident, jeder russische Soldat, der das AKW beschieße oder sich dort verschanze, werde zum Ziel ukrainischer Geheimagenten und der Armee.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Schwere Angriffe im Osten, angeblich geschwächte Russen im Süden

Im Osten des Landes gab es laut ukrainischem Militär neue schwere Raketenangriffe. So seien die Stadt und die Region Charkiw massiv beschossen worden. Auch die Stadt Kramatorsk im Donbass wurde nach Behördenangaben beschossen.

Das Verteidigungsministerium in Moskau bestätigte in seinem Lagebericht den Raketen- und Artilleriebeschuss unter anderem in den Gebieten Charkiw und Cherson. Der Schwerpunkt lag demnach weiter im Gebiet Donezk, das im Zuge des russischen Angriffskriegs als nächstes Ziel Moskaus komplett der ukrainischen Kontrolle entrissen werden soll. Eingenommen worden sei nun der Donezker Vorort Pisky im Nordwesten der Großstadt, hieß es. Eine Bestätigung von ukrainischer Seite gab es zunächst nicht.

Dagegen ist im besetzten südukrainischen Cherson nach Einschätzung britischer Geheimdienste die russische Position deutlich geschwächt. Grund sind Gegenangriffe auf strategisch wichtige Flussquerungen. Über die zwei Hauptstraßenbrücken über den Dnjepr könne mutmaßlich keine erhebliche militärische Ausrüstung mehr in die russisch besetzen Gebiete westlich des Flusses transportiert werden, hieß es vom britischen Verteidigungsministerium. An der wichtigen Antoniwka-Brücke seien den Russen in den vergangenen Tagen nur oberflächliche Reparaturen gelungen. Die andere wichtige Brücke sei durch ukrainische Angriffe mit Präzisionswaffen in den vergangenen Tagen für schwere Militärfahrzeuge unbefahrbar geworden.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. August 2022 um 22:00 Uhr.