Ein Soldat mit russischer Flagge auf der Uniform vor dem ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja. | REUTERS

Krieg gegen die Ukraine Welche Rolle spielen die Atomkraftwerke?

Stand: 24.08.2022 10:22 Uhr

Anfang Februar war die AKW-Ruine Tschernobyl besetzt. Nun steht eine weitere Anlage im FoKus: das AKW Saporischschja - das immer wieder beschossen wird. Wie sicher sind die Anlagen und welche Rolle spielen sie im Krieg gegen die Ukraine?

Von Rebecca Barth, rbb, zzt. Kiew

Es dauert am 24. Februar nur wenigen Stunden, bis die russischen Truppen Tschernobyl erreichen. Ohne Kampf können sie das Gelände des stillgelegten Atomkraftwerks einnehmen - den Ort einer der bisher schlimmsten nuklearen Katastrophen weltweit.

Bis heute umgeben das Gelände 30 Kilometer Sperrzone - auch 38 Jahre später ist die Gegend immer noch unbewohnbar. Und trotzdem arbeiten immer noch Menschen hier. Sie sind Techniker oder Sicherheitsleute und werden zu Kriegsbeginn zu Geiseln der russischen Besatzer.

So auch Michail Pobedin. Er arbeitete bis Ende März in Tschernobyl:

Ich habe nicht geglaubt, dass dieses Szenario möglich ist, dass eine Besetzung eines Atomkraftwerks möglich ist. Was machen die da? Sie haben das Atomkraftwerk als Deckung genutzt. Es gab dort so viel Militärtechnik, viele Soldaten. Sie haben da gewohnt. Es war wie ein Schutzschirm für sie, denn sie würden dort nicht bombardiert oder beschossen werden. Sie haben sich entspannt und ausgeruht. Sie haben das als Schutzschild benutzt - ein Atomkraftwerk.

Die ukrainische Regierung und internationale Beobachter sind alarmiert. Die Ruinen des explodierten Reaktorblocks strahlen bis heute. Die Sorge ist groß, dass aus Tschernobyl wieder Radioaktivität austreten könnte.

Die verantwortungslosen und unprofessionellen Handlungen der Russen seien eine ernsthafte Gefahr - nicht nur für die Ukraine, sondern für Hunderte Millionen von Europäern, klagte Ende März die ukrainische Vize-Premierministerin Iryna Wereschtschuk: "Deshalb fordern wir vom UN-Sicherheitsrat Maßnahmen zu ergreifen zur Demilitarisierung der Sperrzone um das AKW Tschernobyl und eine spezielle UN-Mission dorthin zu führen, damit das Risiko einer Wiederholung der Atomkatstrophe in Tschernobyl durch Handlugen der russischen Besatzungstruppen verhindert wird."

Atomkraftwerke in der Ukraine

Angst vor nuklearer Katastrophe

Fünf Wochen sind die Russen in Tschernobyl - dann ziehen sie ab. Und dennoch haben viele Menschen in der Ukraine heute wieder Angst vor einer nuklearen Katastrophe. Wieder steht ein von Russen besetztes Atomkraftwerk im Fokus - Saporischschja. Diesmal das größte AKW Europas mit sechs Reaktorblöcken. Wieder können es viele in der Ukraine kaum glauben, wie Anna Korolewska, Direktorin des Tschernobyl-Museums in Kiew:

Das ist das einzige Kernkraftwerk in der Ukraine, in dem nukleare Abfälle aus dem Kraftwerk gelagert werden. Sie werden nirgendwohin gebracht, sie sind noch dort. Wenn dieses Gebiet in einen Militärstützpunkt verwandelt wird, am Rand Schützengräben ausgehoben und das Gelände vermint werden - was ist das?

AKW-Beschuss nicht die einzige Gefahr

Die ukrainische Regierung wirft Russland Terrorismus vor. Denn aus der Richtung des Atomkraftwerk schießen Soldaten auf die andere Uferseite des Dnjepr. Man könne wegen der Atomgefahr nicht zurückschießen, behauptet die Ukraine. Aber dennoch wird auch das Atomkraftwerk beschossen. Russland und die Ukraine geben sich gegenseitig die Schuld.

Aber Beschuss sei nicht die einzige Gefahr, erklärt die Kiewer Nuklearexpertin Olga Kosharna:

Die Risiken nehmen auch deshalb zu, weil das Personal seit sechs Monaten unter Stress steht und die Fehler zunehmen. Tatsache ist, dass in Friedenszeiten Statistiken zeigen, dass 70 Prozent der Anlagenausfälle auf Fehler des Personals zurückzuführen sind.

"Sie entführen Menschen, schlagen, foltern"

Auch Natalia hat in dem AKW Saporischschja gearbeitet - als Reinigungskraft. Jetzt sitzt sie in einem Zelt für Geflüchtete aus den besetzten Gebieten. Sie berichtet von Übergriffen der russischen Soldaten auf die Angestellten.

Ich persönlich hatte keinen Kontakt mit ihnen. Aber ich weiß, dass sie kurz vor unserer Abreise den Sektionsleiter entführt und geschlagen haben. Ich weiß nicht, warum, sie erklären es nicht. Sie entführen Menschen, schlagen, foltern. Augenzeugen sagen, dass sie sogar Elektroschocks benutzen. Es ist wirklich beängstigend, was da vor sich geht.

Russland ist in diesem Zusammenhang zu allem fähig - das ist der Tenor vieler Experten und Politiker in der Ukraine. Soweit geht Expertin Kosharna trotz aller Gefahren nicht: Die russische Armee nutze das Atomkraftwerk als Druckmittel im Krieg. "Das ist Erpressung. Sie erzwingen Verhandlungen. Sie wollen den Status quo in den Gebieten, die sie bereits besetzt haben, festschreiben", sagt Kosharna.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 09. August 2022 um 03:00 Uhr.