Polizisten sichern den Zugang zu der Straße in Istanbul ab, wo ein Sprengsatz explodierte | AP

Nach Anschlag in Istanbul Sind die Hintermänner entlarvt?

Stand: 14.11.2022 19:28 Uhr

Ist der Anschlag in Istanbul bereits aufgeklärt? Eine Syrerin soll im Auftrag der PKK das Attentat verübt haben. Die PKK bestreitet das. Doch es könnte nicht ohne Folgen für das Verhältnis zu den USA bleiben.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Keine 24 Stunden nach dem Anschlag im Zentrum von Istanbul scheinen die Drahtzieher entlarvt und die Täter gefasst. Die türkische Polizei präsentierte eine Frau, eine Syrerin als Attentäterin. Sie habe gestanden, hieß es in einer Mitteilung. Die verbotene kurdische PKK beziehungsweise ihr syrischer Ableger YPG - so sieht zumindest die Regierung in Ankara die Gruppe - habe sie speziell ausgebildet und dann mit dem Anschlag beauftragt.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Für Kristian Brakel von der Heinrich-Böll-Stiftung in der Türkei spricht beispielsweise dafür, dass die PKK und verbundene Gruppen für zahlreiche Anschläge in belebten Gegenden von Istanbul verantwortlich seien. "Dagegen spricht, dass die PKK seit der letzten großen Anschlagswelle 2015 zwar gesagt hatte, sie würde zivile Tote in Kauf nehmen, aber Zivilisten nicht als Ziel ausgewählt hat, sondern immer Sicherheitskräfte." Die Organisation habe von einem "unglücklichem Nebeneffekt" gesprochen.

PKK weist Anschuldigung zurück

Die PKK wies jede Verantwortung für den Istanbuler Anschlag von sich. Man greife keine Zivilisten an, hieß es in Medien, die ihr nahestehen. Auch ein Kommandeur der syrischen YPG widersprach offiziellen Vorwürfen. Zuletzt hatte es in der Türkei in den Jahren 2015/2016 eine Serie an Anschlägen gegeben. Die türkische Regierung rechnete sie damals teils der Terrormiliz "Islamischer Staat" teils der PKK zu.

Türkische Medien befürchten im Vorfeld der Präsidenten- und Parlamentswahlen nächsten Sommer wieder eine Verschärfung der Sicherheitslage.

"Ein seltsames Gefühl"

Jahrelang hatte die Türkei unter den Terroranschlägen gelitten, dann kam die Corona-Pandemie. Touristinnen und Touristen hatten sich erst jetzt wieder ins Land getraut. Auch Istanbuler genossen die neue Unbeschwertheit. "Man kann nicht immer in Angst leben", sagt ein Passant. Irgendwie müsse man ja weitermachen. "Ich bin hergekommen und habe mir das hier angeschaut. Es ist ein seltsames Gefühl, aber wir sollten uns als Gesellschaft nicht daran gewöhnen."

Ekrem Imamoglu von der oppositionellen CHP ist der Bürgermeister von Istanbul. Auch er besuchte heute die Einkaufsstraße und spracht mit Ladenbesitzern. "Wir werden unsere Verantwortung wahrnehmen, um die Touristen in Istanbul, die Gäste unserer Stadt und die Menschen in unserer Stadt in einer Umgebung willkommen zu heißen, in der sie sicherer sind als gestern", versprach er. Daran dürfe niemand zweifeln. "Wir haben den Terrorismus und terroristischen Organisationen gestern auf höchster Ebene verurteilt und wir verurteilen sie auch heute."

Ärger über die USA ist groß

Unterdessen wies der türkische Innenminister Süleyman Soylu die Beileidsbekundung aus den USA zurück. Das hat mit der syrischen YPG zu tun, erklärt der Türkei-Experte Brakel. Sollte die PKK und die YPG wirklich für diesen Anschlag verantwortlich sein, sei die Verärgerung in der Türkei nachvollziehbar. Denn seit Jahren würden die Amerikaner die YPG-Kräfte in Syrien mit Waffen und Training im Kampf gegen den "Islamischen Staat" unterstützen.

Diese Verbindung der USA zur YPG sei ein strategischer Fehler gewesen, sagt Brakel. "Innenminister Soylu ist ein ultra-rechter Hardliner." Es sei sehr leicht, in der Türkei mit solchen anti-amerikanischen Ressentiments Politik zu machen.

Klare Forderungen an Schweden

Viele befürchten politische Folgen des Anschlags. Dabei geht der Blick auch auf die Verhandlungen vor allem mit Schweden um dessen NATO-Beitritt. Die Türkei will dem nur zustimmen, wenn die Regierung in Stockholm klare Zugeständnisse mit Blick auf PKK und YPG macht.

"Natürlich gibt das der türkischen Regierung nochmal Auftrieb", sagt Experte Brakel. Die türkischen Regierung habe seit Jahren vor den Gruppierungen PKK und YPG gewarnt. Mitglieder würden von Schweden aus operieren und hätten dort ein sicheres Hinterland gefunden, fasst er den Vorwurf aus Ankara zusammen.

Dass Stockholm jetzt im großen Stil ausliefern wird, wie Ankara das unter anderem verlangt, hält der Experte der Heinrich-Böll-Stiftung in der Türkei allerdings für unwahrscheinlich. Dafür gebe es keine rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen in der Türkei, weder an den Gerichten, noch in den Gefängnissen.