Eine Souvenirbude am Checkpoint vor der Sperrzone rund um den Rektor von Tschernobyl. | EPA

35 Jahre nach Tschernobyl "Wir haben dieses Unglück besiegt"

Stand: 26.04.2021 05:35 Uhr

Der GAU in Tschernobyl vor 35 Jahren bleibt als Katastrophe im Gedächtnis. Ein Tourismus-Unternehmer, der Tagestouren in die Sperrzone anbietet, will das ändern: Er will die Stätte zum Kulturerbe machen.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Früher, erzählt Jaroslaw Jemeljanenko am Telefon, seien alle Tschernobyl-Jahrestage immer sehr mahnend, tragisch und perspektivenlos gewesen. In diesem Jahr könnte sich das aber ändern, sagt der 39-Jährige. Jemeljanenko leitet eines der größten Tourismus-Unternehmen, die Reisen in die mehr als 2500 Quadratkilometer große Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk anbieten - und er setzt sich dafür ein, das heutige Tschernobyl, 35 Jahre nach der Katastrophe, aus einer anderen Perspektive zu betrachten. 

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

"Wir besuchen diese Zone in ganz normaler Kleidung, ohne spezielle Schutzmittel. Wir brauchen heute weder besondere Atemschutzgeräte noch einen Chemieschutzanzug", sagt er. "Und das ist nicht nur ein Resultat der Zeit, sondern auch der Tätigkeit der Liquidatoren, die diese Zone gesäubert haben. Und an jedem Tschernobyl-Tag müssen wir daran erinnern, dass es diese wirklich schlimme Katastrophe auf unserem Territorium gegeben hat, aber auch, dass dies auch ein Tag des Sieges ist. Wir haben dieses Unglück besiegt."

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Das Tschernobyl-Unglück vom 26. April 1986

Touristenboom nach "Chernobyl"-Serie

Den Beweis dafür wollen Jemeljanenko und sein Team in aufwendig produzierten Online-Videos führen. Aus der Luft filmen sie die atemberaubende Natur: weite Wälder, Flüsse, Felder, auf denen Wildpferde oder Elche grasen. Tschernobyl lebt! - so die Aussage. Doch so malerisch dieser Anblick ist, einfach umherwandern kann man in der Sperrzone trotzdem nicht. Noch immer ist der Boden innerhalb des 30-Kilometer-Radius, der das havarierte Atomkraftwerk umgibt, verstrahlt. An manchen Stellen - den sogenannten "Hotspots" - schlägt der Geigerzähler regelrecht Alarm. 

Abschrecken lassen sich potenzielle Tschernobyl-Besucher davon aber nicht - im Gegenteil: "Seit 2015 hat sich der Tourismus in der Sperrzone zum Massentourismus entwickelt", erklärt Maxym Schewtschuk, stellvertretender Leiter der Staatlichen Agentur für die Verwaltung der Sperrzone. 

Die Zahl der Touristen ist seitdem jährlich gestiegen. Und 2019 haben wir 124.000 Besucher empfangen, darunter 20 Prozent Ukrainer und 80 Prozent Ausländer.

Insgesamt 52.000 Besucher mehr als im Vorjahr waren das. Der Grund für diesen Boom - darin sind sich alle einig - ist die Fernsehserie "Chernobyl" des Senders HBO, die im Frühjahr 2019 erschien.

"Nur radioaktive Abfälle"

Bildgewaltig zeichnet die Serie den Hergang der Reaktorkatastrophe in der Nacht zum 26. April 1986 nach - und die darauf folgenden Vertuschungsversuche der sowjetischen Führung. Eine der Schlüsselsequenzen ist die Evakuierung der Stadt Prypjat. 50.000 Menschen mussten binnen weniger Stunden ihr Zuhause verlassen. Da lag der GAU bereits 36 Stunden zurück. 

Heute ist Prypjat, das in den Siebzigerjahren als sowjetisches Vorzeigeprojekt ganz in der Nähe des Atomkraftwerks erbaut wurde, eine Geisterstadt - und das Highlight jeder Tschernobyl-Tour. Trotzdem droht der weitere Verfall - durch den Zahn der Zeit. Und durch Vandalismus, beklagt Touristikunternehmer Jameljanenko: "Die Stadt hat keinen Schutzstatus. Rein juristisch sind das nur radioaktive Abfälle."

Um das zu ändern, bereiten die ukrainischen Behörden gerade einen Antrag an die UNESCO vor, um Teile der Sperrzone von Tschernobyl und damit auch die Stadt Prypjat zum Weltkulturerbe zu erklären. Jemeljanenko unterstützt diese Initiative nicht nur, er sagt, er habe sie schon vor Jahren mit angeregt. Dennoch müsse in seinen Augen zunächst ein anderer Schritt getan werden: "Bevor wir den Antrag an die UNESCO einreichen, müssen wir die Bedeutung der Sperrzone für uns selbst anerkennen", sagt er. "Sonst bitten wir die Welt einen Ort zum Weltkulturerbe zu ernennen, den wir selbst noch nicht einmal als Denkmal betrachten."

Aber nicht als Denkmal, vor dem man einmal im Jahr Blumen niederlegt, sondern als eines, dass weiterhin lebendig ist. Das betont der 39-Jährige immer wieder - und schlägt vor, auch den Begriff der "Sperrzone" neu zu überdenken. Denn Tschernobyl sei schon lange nicht mehr abgesperrt, sondern offen für Besucher, die - so hofft der Touristikunternehmer - bald wieder so zahlreich sein werden wie vor der Pandemie. 

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 26. April 2021 um 06:00 Uhr.