Dieses von NTV zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt die belarussische Athletin Kristina Timanowskaja, als sie die polnische Botschaft in Tokio betritt. | dpa

Belarusische Leichtathletin Polen kritisiert "kriminellen Entführungsversuch"

Stand: 03.08.2021 05:37 Uhr

Die polnische Regierung hat Belarus einen "kriminellen Entführungsversuch" der Sprinterin Timanowskaja vorgeworfen. Sie hatte zuvor von Polen ein Visum erhalten. International gab es Kritik an dem Vorfall.

Im Fall der belarusischen Olympia-Teilnehmerin Kristina Timanowskaja hat der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki Konsequenzen für die Führung in Minsk gefordert. Er sprach von einem "kriminellen Versuch, eine Sportlerin zu entführen, die kritisch gegenüber dem belarusischen Regime eingestellt ist". Die "Aggression der belarusischen Sicherheitsdienste auf japanischem Gebiet" müsse auf "entschiedenen Widerspruch der internationalen Gemeinschaft stoßen", forderte der Regierungschef in einem Facebook-Beitrag.

Morawiecki mahnte an, dass die Olympischen Spiele ein Symbol des Friedens und des Fairplays sein sollten. Die Sprinterin aus Belarus (Weißrussland) war laut der Opposition ihres Landes einer drohenden Entführung aus dem Olympia-Austragungsland entkommen. Sie erhielt inzwischen in der polnischen Botschaft in Tokio ein humanitäres Visum. Man sei bereit, ihr die Möglichkeit zu geben, ihre sportliche Karriere fortzusetzen, betonte Morawiecki.

Es wird erwartet, dass die 24-Jährige bereits Mitte der Woche in Warschau eintrifft. Polens Botschafter in Japan, Pawel Milewski, schrieb nach einem Treffen mit Timanowskaja bei Twitter: "Sie ist erschöpft, verängstigt, aber sehr dankbar für unsere Hilfe in dieser extrem schweren Zeit in ihrer Sportkarriere". Polen werde in Kooperation mit der japanischen Regierung weiter dafür sorgen, dass die Athletin sich "sicher und geschützt" fühle.

Neben Polen hatten auch Tschechien und Slowenien der Läuferin entsprechende Hilfe angeboten. Timanowskajas Ehemann Arseni Zhdanewitsch flüchtete nach eigenen Angaben aus Belarus und hält sich demnach in Kiew in der Ukraine auf.

Internationale Kritik an Belarus

Die EU-Kommission erklärte am Abend ihre Solidarität mit der Sportlerin. "Der Versuch, Kristina Timanowskaja mit Gewalt in ihr Heimatland zu bringen, ist ein weiteres Beispiel dafür, mit welcher Brutalität das Regime von Lukaschenko die Menschen in Belarus unterdrückt", sagte Kommissionssprecherin Nabila Massrali der Zeitung "Welt". Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, es sei nicht überraschend, dass "Sportler, die ihre Meinung äußern, zur Zielscheibe von Repressalien werden".

Das Auswärtige Amt verurteilte jede Form der Verfolgung und Einschüchterung der Zivilgesellschaft, "auch von Sportlerinnen und Sportlern", scharf. "Wir rufen die Behörden in Belarus dazu auf, die demokratischen Grundrechte zu achten", sagte eine Sprecherin in Berlin. Die US-Botschafterin für Belarus, Julie Fisher, dankte den japanischen und polnischen Behörden. Timanowskaja könne sich mit ihrer Hilfe den "Versuchen des Lukaschenko-Regimes entziehen", sie "zu diskreditieren und zu demütigen, weil sie ihre Meinung geäußert hat", schrieb Fisher bei Twitter.

Nach Kritik an Funktionären nach Hause geschickt

Eigentlich sollte Timanowskaja gestern im Olympiastadion in Tokio 200 Meter laufen, doch das Nationale Olympische Komitee von Belarus sperrte die Athletin nach ihrer Kritik an Verbandsfunktionären und wollte sie postwendend nach Hause schicken. 

In einem Video, das die oppositionelle belarusische Athletenvertretung Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) am Sonntag veröffentlichte, erklärte sie, sie habe gegen ihren Willen aus Japan ausgeflogen werden sollen.

Ihr werde vorgeworfen, öffentlich Kritik an belarusischen Sportfunktionären geäußert zu haben, sagte Timanowskaja. Sie habe jedoch bei der japanischen Polizei um Schutz gebeten. Die BSSF sprach von einer versuchten "gewaltsamen" Ausreise.

Das belarusische NOK hatte erklärt, die Athletin scheide auf ärztliches Anraten wegen ihres "emotionalen und psychologischen Zustands" aus dem Wettbewerb aus. Timanowskaja bezeichnete das auf Instagram als "Lüge". Sie sei noch nicht einmal untersucht worden.

IOC leitet förmliche Untersuchung ein

Das Internationale Olympische Komitee leitete derweil eine förmliche Untersuchung ein. "Wir müssen alle Tatsachen feststellen und alle Beteiligten anhören, bevor wir weitere Maßnahmen ergreifen, sagte IOC-Sprecher Mark Adams. Das IOC hatte eine Stellungnahme des Belarusischen Olympischen Komitees angefordert, die Frist lief laut Adams am Dienstag ab. Wann das IOC seine Ermittlungen abschließen werde, wollte der IOC-Sprecher nicht sagen. "Diese Dinge brauchen Zeit. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen", sagte er.

Zuvor hatten Sportlervereinigungen wie Athleten Deutschland und Global Athlete eine Sperre für das NOK von Belarus gefordert. Timanowskaja habe dem IOC in mehreren Gesprächen versichert, sie fühle sich "sicher und geschützt", sagte Adams. Die 24-Jährige befinde sich an einem sicheren Ort. Das IOC habe auch das Nationale Olympische Komitee Polens mit der Frage kontaktiert, wie man Timanowskaja in Zukunft unterstützen könne. "Unsere allererste und oberste Priorität ist die Sicherheit der Athleten", sagte Adams. Die Vorgehensweise des IOC solle nicht nur belarusische Sportler, sondern alle Athleten darin bestärken, dass sie beim Dachverband mit ihren Sorgen auf offene Ohren stoßen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. August 2021 um 08:05 Uhr.