Swetlana Tichanowskaja (Aufnahme vom 7. Oktober 2022) | REUTERS
Interview

Tichanowskaja über belarusische Armee "Sie werden nicht gegen Ukrainer kämpfen"

Stand: 14.11.2022 16:41 Uhr

Die Oppositionspolitikerin Tichanowskaja gibt sich im ARD-Interview überzeugt: Belarusische Soldaten würden nicht gegen Ukrainer kämpfen. Eher würden sie im Krieg überlaufen - darum schicke Diktator Lukaschenko auch keine Truppen.

ARD: Frau Tichanowskaja, Sie haben in den vergangenen Monaten viele Preise bekommen. Aber wie steht es um Ihre Sache in Belarus selbst? Wie ist die Situation?

Swetlana Tichanowskaja: Es sind die Menschen in Belarus, die die Preise bekommen - nicht ich persönlich. Menschen, die Widerstand leisten gegen ein Regime. Und jetzt kämpfen wir nicht nur mit der Diktatur in Belarus, wir kämpfen auch auf der Seite des ukrainischen Volkes. Das haben viele [im Ausland, Anmerkung der Redaktion] nicht gleich verstanden.

Es hat eine Weile gedauert, bis wir den Menschen erklären konnten, dass das Regime und das belarusische Volk zwei verschiedene Dinge sind. Das Regime unterstützt im Krieg völlig die russische Armee. Die Stationierung russischer Truppen auf unserem Territorium wird erlaubt. Und der Abschuss von Raketen aus Belarus auf die Ukraine.

Aber 86 Prozent der Belarusen sind gegen diesen Krieg - und die Menschen, die gegen den Krieg sind, werden als Feinde dieses Regimes betrachtet. Und sie können wegen ihrer Haltung inhaftiert werden.

ARD: Wie beeinflusst der Krieg in der Ukraine die Entwicklung in Belarus? Wären Sie weiter, wenn es den Krieg nicht gäbe?

Tichanowskaja: Der Krieg in der Ukraine ist eine schreckliche Sache. Aber er ist auch eine Chance für viele Länder der Ex-Sowjetunion, um für demokratische Veränderungen zu kämpfen. Wir glauben, dass das Schicksal der Ukraine und das Schicksal von Belarus miteinander verwoben sind.

Wenn die Ukrainer gewinnen, und das werden sie, dann wird das eine neue Chance für die Belarusen sein, sich in unserem Land offen zu erheben. Jetzt leben die Menschen in einem Zustand des Terrors und der Tyrannei, in einem Zustand der Angst. Und es ist schwierig, in Belarus seine Stimme zu erheben, denn man wird verhaftet und zu jahrelangen Haftstrafen verurteilt. Aber jetzt helfen wir den Ukrainern, um Belarus in Zukunft zu helfen.

Swetlana Tichanowskaja | ARD-Studio Brüssel

Die belarusische Oppositionspolitikerin Tichanowskaja sieht im Krieg gegen die Ukraine auch eine Chance, um für demokratische Veränderungen zu kämpfen. Bild: ARD-Studio Brüssel

ARD: Wie genau können Sie der Ukraine helfen, wenn Lukaschenko an der Seite Putins steht?

Tichanowskaja: Unsere Hilfe ist nicht so groß wie die der wohlhabenden demokratischen Länder. Aber wir tun es von Herzen. Die Menschen in Belarus sammeln etwa Informationen über die Positionen russischer Truppen und geben diese Informationen an die ukrainische Armee. Unsere militärischen Freiwilligen kämpfen Schulter an Schulter mit den Ukrainern in der Ukraine. Unsere politischen Flüchtlinge [im Ausland, Anm. der Red.] helfen den Kriegsflüchtlingen. Weil wir wissen, was es bedeutet, sein Kind zu schnappen und sein Land zu verlassen.

ARD: Würden Sie sagen: Belarus ist eine Kriegspartei - wenn man sieht, was Lukaschenko Putin in ihrem Land erlaubt.

Tichanowskaja: Das Regime ist Teil des Krieges, nicht das Land und nicht die Menschen. Das muss man klar unterscheiden.

ARD: Was passiert militärisch gesehen derzeit in Belarus?

Tichanowskaja: In der belarusischen Armee gibt es keine Unterstützung für diesen Krieg. Und ich bezweifle, dass sich unsere Soldaten der russischen Armee in diesem Krieg anschließen werden. Es sind etwa 9000 russische Soldaten in unser Land gekommen. Erneut wird russische Militärausrüstung nach Belarus gebracht. Aber selbst die russischen Soldaten trauen denen aus Belarus nicht. Weil sie wissen, dass wir diesen Krieg nicht unterstützen.

Und selbst wenn unsere Soldaten in die Ukraine geschickt werden, um dort zu kämpfen, werden sie überlaufen. Sie werden die Seiten wechseln, sie werden sich verstecken. Aber sie werden nicht gegen Ukrainer kämpfen. Und Lukaschenko weiß das. Und das ist der Grund, warum er die belarusische Armee nicht in die Ukraine schickt. Nicht, weil er die Ukraine irgendwie schützen will. Er kümmert sich nur um seine Macht.

ARD: Denken Sie, dass die Unterstützung von Ländern wie Deutschland für die Ukraine derzeit ausreichend ist? 

Tichanowskaja: Ich sehe die Einigkeit der demokratischen Länder, der Ukraine zu helfen. Und diese Einigkeit ist eure Stärke. Und Deutschland, da bin ich mir sicher, unterstützt die Ukraine humanitär und finanziell. Über die militärische Hilfe bin ich mir nicht so sicher. Aber so wie ich die deutsche Regierung kenne, weiß ich, dass sie alles tut, was möglich ist, um die Ukrainer zu unterstützen.

Das Interview führte Markus Preiß, ARD-Studio Brüssel