Zwei Migranten stehen neben einem Zelt im Umland von Temeswar. | ARD-Studio Wien
Reportage

Migranten in Rumänien Mit dem Lkw in den Westen

Stand: 11.05.2021 04:41 Uhr

Das Umland von Temeswar wird zur Drehscheibe für Migranten: Sie campieren im Gebüsch und versuchen, auf Lkw aufzuspringen, die aus Rumänien nach Westeuropa fahren - ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

"Ich werde es heute Abend mit einem Lkw versuchen. Ich weiß, dass es gefährlich ist, aber ich habe keine andere Lösung." Nach dieser Facebook-Nachricht antwortet der junge Afghane, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, nicht mehr. Eigentlich wollte das ARD-Studio Wien sich mit ihm für ein Interview in der rumänischen Grenzstadt Temeswar verabreden, von wo aus der junge Mann auf diese riskante Weise weiterreisen will. Doch der Facebook-Messenger bleibt drei Tage lang stumm.

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

Mit dem Lkw aus Rumänien in den Westen - nach Frankreich, Italien oder Deutschland - diesen Plan haben hier auch andere Menschen ohne dafür gültige Papiere. "Wir versuchen es jeden Abend, einen Monat lang geht das schon so", sagt Hassein aus Afghanistan.

Er haust im Gebüsch neben einem Acker, irgendwo im Nirgendwo circa 40 Kilometer von Temeswar entfernt. Zusammen mit vier weiteren Männern versteckt sich Hassein hier vor der rumänischen Polizei. Die Männer schlafen in Zelten und werden von Freiwilligen mit Essen versorgt. Wenige Meter neben dem Schlafplatz der Männer sind Bahngleise, immer wieder donnern Züge vorbei - das Tuten des Signalhorns ist ohrenbetäubend.

Migranten stehen neben einem Zelt im Umland von Temeswar. | ARD-Studio Wien

Migranten leben in Zelten im Umland von Temeswar - aus der örtlichen Flüchtlingsunterkunft laufen sie immer wieder weg. Bild: ARD-Studio Wien

Nach Rumänien gekommen - beim elften Versuch

Hassein ist 26. Er habe in Afghanistan Sozialwissenschaften studiert erzählt er. Irgendwie schafft er es, hier im Gebüsch bei den Bahngleisen ein sauberes kariertes Hemd zu tragen und dazu Schnürschuhe aus Leder. Erst beim elften Mal sei es ihm gelungen, von Serbien aus über die "grüne Grenze" nach Rumänien zu kommen. Jedes Mal habe ihn die rumänische Polizei erwischt und zurückgeschickt.

Die Polizisten seien mal nett, mal weniger nett gewesen, berichtet Hassein. Die weniger netten hätten Sturmhauben getragen und ihm Gepäck, Proviant und sogar die Schuhe abgenommen - einen aus seiner Gruppe hätten diese maskierten Männer übel zusammengeschlagen. Vorwürfe illegaler Pushbacks und Gewalt gegen Migranten und Flüchtlinge dementiert die Grenzpolizei gegenüber der ARD

Eigentlich könnte Hassein in einer Flüchtlingsunterkunft in Temeswar unterkommen, wo zur Zeit etwa 200 Menschen wohnen. Doch er bleibt lieber in seinem Versteck, das etwa 500 Meter von einem Lkw-Rastplatz entfernt ist. Hier versucht er jede Nacht, sich in einen Lkw zu schmuggeln. Bislang ohne Erfolg: Er wird entweder von den Lkw-Fahrern entdeckt und vertrieben. Oder die Polizei erwischt ihn - und bringt ihn in die besagte Flüchtlingsunterkunft nach Temeswar, wo er nicht bleiben will.

Toter bei Schlägerei zwischen Migranten

"Als Stadt merken wir, dass wir abhängig sind von bestimmten europapolitischen oder internationalen Entscheidungen verschiedener Staaten in ihrer Flüchtlingspolitik", sagt Dominic Fritz, der Bürgermeister von Temeswar - ein 38-jähriger Deutscher, dessen Wahl im Oktober 2020 eine faustdicke Überraschung war.

Seit der großen Fluchtbewegung über den Balkan 2015 versperren meterhohe Zäune und Grenzanlagen die Wege für Flüchtlinge und Migranten. Deren Routen ändern sich immer wieder, und zur Zeit versuchen immer mehr Menschen, über Rumänien nach Ungarn zu gelangen.

Temeswar mit seiner Lage im Dreiländereck Rumänien-Serbien-Ungarn ist zu einer Art Drehscheibe geworden. Die Zahl der Migranten und Flüchtlinge, die hierhin kommen, hat sich 2020 im Vergleich zu den Vorjahren stark erhöht. Und das war auch im Stadtbild zu sehen. "Wir hatten in den vergangenen Monaten eine Gruppe von ein paar Hundert obdachlosen Flüchtlingen in der Stadt", sagt Fritz.

Nachdem Mitte April bei einer Schlägerei zwischen zwei Gruppen von Flüchtlingen ein Mann getötet wurde, änderten die Behörden ihre Strategie. In Rumänien werden Migranten und Flüchtlinge in Flüchtlingsunterkünften registriert. Egal wo sie nun aufgegriffen werden, bringt man sie immer wieder in oft weit entfernte Flüchtlingsunterkunfte zurück, die ihnen ursprünglich zugeteilt wurden.

Dominic Fritz | ARD-Studio Wien

Dominic Fritz, Bürgermeister von Temeswar. Bild: ARD-Studio Wien

Das Ziel: aus Temeswar weiterziehen

Das Problem: Viele Menschen kommen wieder nach Temeswar zurück: "Die Leute wollen ja nicht in Rumänien bleiben", meint Fritz. "Sie stellen ihre Aslyanträge nicht, damit sie hier Asyl bekommen, sondern damit sie einen Aufenthaltstitel für ein Jahr bekommen. Und in dieser Zeit versuchen sie, weiterzuziehen."

Die Bürgerinnen und Bürger in Temeswar stünden den Flüchtlingen und Migranten zwar meist hilfsbereit gegenüber, auch seien größere Konflikte bislang ausgeblieben. Doch seine Stadt könne das nicht dauerhaft alleine stemmen und sei auch formal nicht für Migration zuständig.

Fritz erwartet von der nationalliberal geführten Regierung in Bukarest dauerhafte Lösungen: "Die Regierung ist sich dessen auch bewusst, es hat bislang aber immer am letzten Schritt und Willen gefehlt, auch konkret etwas zu tun", sagt er.

"Einige grüßen mich schon"

Wer es mit Hilfe von Schleppern oder auf eigene Faust in einen Lkw geschafft hat, der muss an der rumänisch-ungarischen Grenze die nächste Hürde überwinden. "Wir kontrollieren in Zusammenarbeit mit den ungarischen Kollegen jeden Lkw", sagt Chefkommissar Dorin Popa, Leiter des Grenzübergans Bors bei der Stadt Oradea im Nordwesten Rumäniens.

Die rumänischen Grenzpolizisten checken zuerst die Frachtpapiere und die Ladung der Lkw, die sich in einer Hunderte Meter langen Schlange vor dem Grenzübergang stauen. Sie achten auf beschädigte Planen oder sonstige Hinweise, dass Migranten und Flüchtlingen auf den Ladeflächen sein könnten. Bei Verdacht werden die Lastwagen dann genauer untersucht.

Rumänische Grenzschutzbeamte kontrollieren, ob sich Migranten in Lastwagen aufhalten.

Rumänische Grenzschutzbeamte kontrollieren, ob sich Migranten in Lastwagen aufhalten.

Auf diese Weise entdecken die Grenzpolizisten immer wieder Menschen ohne gültige Papiere: "Wir hatten in den ersten drei Monaten 2021 fast so viele Fälle wie im gesamten Jahr 2020", sagt Popa. Die aufgegriffenen Menschen werden befragt und in Flüchtlingsunterkünfte zurückgebracht. In Rumänien ist versuchter illegaler Grenzübertritt eine Straftat, die aber im laufenden Asylverfahren nicht weiter verfolgt wird. Und weil die Menschen die Flüchtlingsunterkünfte jederzeit verlassen können, trifft Chefkommissar Popa schon mal auf bekannte Gesichter, wie er schmunzelnd sagt: "Einige grüßen mich schon."

Drei Tage nach unserem letzten Kontakt meldet sich der junge Afghane dann doch noch mal - aus einer Flüchtlingsunterkunft in Deutschland. "Ja, ich habe es gestern geschafft", schreibt er. "Ich habe die Grenzen überquert." Wie genau er über die Grenzen gekommen ist, schreibt er nicht. "Ich bin sehr müde und erschöpft", schreibt er zum Abschied und will erst mal ausschlafen. Vor sechs Jahren hat er seine Heimat verlassen. Ob er in Deutschland bleiben kann, ist ungewiss.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 11. Mai 2021 um 06:18 Uhr.