Die Delegation der Taliban bei Gesprächen in Oslo | via REUTERS

Taliban-Delegation in Oslo Umstrittener Besuch endet mit Versprechen

Stand: 26.01.2022 09:08 Uhr

Der erste Besuch der Taliban in Europa nach der Machtübernahme in Afghanistan ist beendet. Im Westen bleibt die Einladung Oslos stark umstritten, die Taliban bewerten die Gespräche positiv.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Drei Tage verbrachte die Delegation in einem Konferenzhotel etwas außerhalb von Oslo. In Tagungsräumen saßen die Taliban an langen Tischen - ihnen gegenüber abwechselnd Vertreter der afghanischen Zivilgesellschaft und verschiedener europäischer Länder sowie der USA.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Die Taliban kamen auf Einladung des norwegischen Außenministeriums - doch Außenministerin Anniken Huitfeldt traf sich nicht persönlich mit ihnen und schickte stattdessen ihren Staatssekretär.

Huitfeldt betonte nach der Abreise der Delegation, dass Gespräche wegen der humanitären Lage im Land unvermeidlich seien: "Die gesamte Delegation besteht aus Terroristen. Sie stehen für Morde und Terror. Für uns war wichtig, dass wir bestimmen, welche Aktivisten sie hier treffen mussten. Auch unsere internationalen Partner haben Verhandlungsteilnehmer geschickt", so Huitfeldt.

"Das Problem ist, dass die Taliban de facto in Afghanistan die Macht haben. Wenn wir humanitäre Hilfe leisten wollen, müssen wir mit ihnen sprechen, um Lebensmittel und Medikamente bringen zu können."

Taliban sehen Gespräche positiv

Die Taliban zogen ein positives Fazit nach dem Besuch - es habe einen guten Austausch gegeben, insbesondere mit den USA, so der Außenminister der Übergangsregierung, Amir Khan Muttaqi.

Eine Pressekonferenz gab es während der drei Tage nicht, jedoch haben einige norwegische Medien Interviews mit den Taliban geführt. Fragen nach Menschenrechtsverletzungen wurden zurückgewiesen.

Gewalt gegen demonstrierende Frauen - solche Videos seien inszeniert, so Muttaqi: "Die Demonstrationen mit schreienden Menschen und Kameras sind genau geplant worden. In Kabul haben Frauen Soldaten verbal angegriffen. Sie kränken sie, um sie zu provozieren und dann zu filmen. Wenn ich die Bilder dieser Soldaten sehe, zweifle ich daran, dass sie zu uns gehören."

Debatte um Besuch in Norwegen

Der erste Besuch der Taliban in Europa nach der Machtübernahme in Afghanistan hat eine Debatte in Norwegen ausgelöst und auch Proteste vor norwegischen Botschaften in anderen Ländern.

Zahir Athari, ein Exil-Afghane in Norwegen, zeigte eines der Delegationsmitglieder bei der Polizei wegen Kriegsverbrechen an. Die Einladung Norwegens - für ihn ein Affront: "Diese Gespräche hätten auch einfach in Afghanistan oder den Nachbarländern stattfinden können. Man hätte den Taliban nicht die Ehre erweisen sollen, dass sie in einem Privatflieger nach Norwegen reisen können."

Eine afghanische Frauenrechtlerin hingegen sieht das anders. Jamila Afghani war an Gesprächen mit der Delegation beteiligt. Am Ende zog sie ein positives Fazit: "Es war ein sehr gutes Meeting, eine erste Annäherung. Hoffentlich folgen mehr Dialog und Verhandlungen."

Mädchen sollen wieder Schulen besuchen dürfen

Die Taliban hätten versichert, dass beispielsweise Mädchen aller Altersgruppen ab dem Frühjahr wieder zur Schule gehen dürfen - so der Generalsekretär der norwegischen Flüchtlingshilfe, Jan Egelund. Daran müsse man sie jetzt messen.

"Gleichzeitig müssen wir aber auch in Washington, London und Brüssel an einer Verbesserung der Situation arbeiten. Es gibt aktuell Sanktionen, die die Hilfen für die Bevölkerung sehr schwierig machen. Die NATO hat einfach nicht verstanden, dass sie das Land im August Knall auf Fall verlassen hat und damit 40 Millionen Afghanen, darunter viele Frauen, zurückgelassen wurden", so Egelund.

Die Taliban-Delegation reiste noch in der Nacht ab. Der Aufenthalt in Oslo wurde komplett von den Norwegern finanziert. 

 

Über dieses Thema berichtete WDR5 Morgenecho am 26. Januar 2022 um 06:46 Uhr.