Eltern stehen mit ihren Kindern in Santiago de Compostela (Spanien) Schlange, um geimpft zu werden. | dpa

Coronavirus Warum Spaniens Impfkampagne so gut läuft

Stand: 12.11.2021 07:21 Uhr

Spanien könnte eine Herdenimmunität erreicht haben. Die Impfkampagne lief höchst erfolgreich und ohne nennenswerte Proteste. Was läuft in Spanien besser als in anderen Ländern?

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

Spanien ist gemeinsam mit Deutschland und anderen EU-Staaten am 27. Dezember in die Impfkampagne gegangen. Die Impfstrategie hatte die Regierung schon gut drei Wochen vorher vorgelegt. Auch in Spanien kamen Risikogruppen als erste dran, neben älteren Menschen zum Beispiel auch Personal in Altenheimen oder auf Intensivstationen. Monatelang wurden die Altersklassen von oben nach unten durchgeimpft, bis im Sommer nach und nach immer mehr Regionen die Anmeldung für Impftermine für alle öffneten.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Erklärtes Ziel der Regierung war eine Impfquote von 70 Prozent bis zum Ende des Sommers. Es gab allerdings ein paar Rückschläge: Lieferverzögerungen bei mehreren Impfstoffen, die Impfung mit AstraZeneca wurde vorsichtshalber einige Tage gestoppt, nach der weltweiten Verunsicherung wegen aufgetretener Hirnvenentrombosen. Trotzdem ist die Impfkampagne in Spanien sehr gut gelaufen.

Ministerpräsident Pedro Sanchez verkündete im August, Spanien habe die Impf-Goldmedaille - die Impfquote war zu diesem Zeitpunkt schon die höchste unter den 50 bevölkerungsreichsten Ländern der Erde. Heute liegt sie bei knapp 80 Prozent, bei den Über-12-Jährigen bei rund 90 Prozent. Und es wird ohne große Debatten schon fleißig geboostert. Aber warum war und ist die Impfkampagne in Spanien so erfolgreich?

Fast kein Protest gegen Impfkampagne

Es gibt in Spanien so gut wie keine Impfskepsis, keine Impfmüdigkeit, keine "Querdenker"-Szene. Zu einer der ganz wenigen Demonstrationen im Zusammenhang mit der Impfkampagne kamen in Madrid nur rund 250 Menschen zusammen. Die Menschen empfinden Impfungen als große Errungenschaft, seitdem die grassierende Kinderlähmung in den 1960er-Jahren durch die Schluckimpfung besiegt worden ist. Auf ihr nach dem Ende der Franco-Diktatur modernisiertes öffentliches Gesundheitswesen waren Spanierinnen und Spanier viele Jahrzehnte sehr stolz - und sind es noch, auch wenn es im Zuge der Sparmaßnahmen nach der Eurokrise etwas gelitten hat.

Die Impfung galt in Spanien immer als entscheidende Waffe gegen die Corona-Epidemie. Und nach massiver Überlastung der Intensivstationen in der ersten Welle, hoher Todesrate und monatelangem Total-Lockdown haben sich die Menschen in Spanien vielleicht auch besonders nach einer solchen Waffe gesehnt.

Straffe Terminvergabe

Dazu kommt: Die Impfungen waren straff organisiert. Niemand musste sich selbst um einen Termin bemühen - sie wurden zentral vergeben. Mit knappem Vorlauf, per Anruf oder SMS. Eine gute Strategie, sagen Soziologen, denn die Menschen hätten den Fortgang der Impfkampagne, ihren Erfolg, unmittelbar wahrgenommen, wenn gleichaltrige Freunde oder Nachbarn etwa zur gleichen Zeit einen Termin bekamen.

Als dann im Sommer die starre Vergabe der Impftermine fiel, drängten schnell viele junge Leute zur Impfung. Auch dafür gibt es gesellschaftliche Gründe: den viel engeren Kontakt in der weiteren Familie, die Tatsache, dass junge Menschen oft lange mit ihren - dann entsprechend älteren - Eltern unter einem Dach leben. Das Verantwortungsgefühl gegenüber Eltern und Großeltern habe viele bewogen, sich möglichst schnell impfen zu lassen, sagen Soziologen.

Menschen umarmen sich am Flughafen von Madrid, nachdem die spanische Regierung im Oktober Zugangsbeschränkungen für Flughäfen aufgehoben hat. | dpa

Der Impferfolg macht es möglich: Im Oktober hob die spanische Regierung Zugangsbeschränkungen für Flughäfen auf. Bild: dpa

Kaum noch Erstimpfungen

Nach offiziellen Zahlen haben nur rund sechs Prozent der Spanierinnen und Spanier die Impfung ausgeschlagen, und natürlich gibt es auch Erwachsene, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden sollten. Deswegen kommen inzwischen kaum noch neue Erstimpfungen dazu. In einem kürzlich im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlichten Artikel sehen Fachleute aber gute Chancen dafür, dass Spanien tatsächlich eine Herdenimmunität erreicht haben könnte - die jetzt allerdings mit Booster-Impfungen gefestigt werden muss.

Die Nagelprobe dürfte aber der kommende Winter sein, wenn sich das Leben auch in Spanien in Innenräume verlagert - und es in der extralangen spanischen Weihnachtszeit von Heiligabend bis zum Dreikönigstag ausgedehnte, große Familientreffen gibt.

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 02. September 2021 um 16:05 Uhr in der Sendung "Impuls".