"Sea-Eye 4" | picture alliance / ASSOCIATED PR

Seenotrettung im Mittelmeer Deutsche Schiffe retten 122 Menschen

Stand: 09.05.2022 15:05 Uhr

Zwei deutsche Rettungsschiffe haben am Wochenende insgesamt 122 Menschen im Mittelmeer aus Seenot gerettet - 34 davon in der maltesischen Rettungszone. Koordiniert wurde der Einsatz aber aus Bremen.

Die deutschen Schiffe "Sea-Watch 4" und "Sea-Eye 4" haben am Wochenende 122 Menschen im Mittelmeer gerettet. Am Sonntagabend seien 88 Flüchtlinge und Migranten auf die "Sea-Watch 4" in Sicherheit gebracht worden, teilte die Betreiberorganisation Sea-Watch am Montag auf Twitter mit. Damit seien nun 145 gerettete Männer, Frauen und Kinder an Bord.

"Sea-Eye 4" rettet 34 Menschen

Ein weiteres deutsches Rettungsschiff - die "Sea-Eye 4" - hatte ebenfalls Menschen aus dem Mittelmeer gerettet - und damit auf eine Bitte der deutschen Behörden reagiert. Der Vorfall ereignete sich in der maltesischen Such- und Rettungszone nördlich der libyschen Stadt Bengasi. Es ging in dem Fall um 34 Geflüchtete.

Wie die Hilfsorganisation "Sea-Eye" mitteilte, organisierte die maltesische Rettungsleitstelle den Einsatz aber nicht selbst, sondern verwies auf die Zuständigkeit Deutschlands, weil ein unter deutscher Flagge fahrendes Containerschiff auf die in Seenot Geratenen gestoßen war. Die Hilfsorganisation wirft Malta vor, "wiederholt ihre Koordinierungspflichten" verletzt zu haben.

Was war passiert?

Bereits am Freitagabend hatte die Organisation "Alarm Phone" einen Seenotfall in internationalen Gewässern nördlich von Bengasi gemeldet. Die "Sea-Eye 4" war laut eigenen Angaben am Samstag von der Rettungsleitstelle in Bremen angefunkt worden.

Der Inhalt des Funkspruchs: Das unter deutscher Flagge fahrende Containerschiff "Berlin Express" sei auf ein "kleines, überfülltes Holzboot" mit 34 Menschen gestoßen, könne die Menschen jedoch wegen des Wetters und der eigenen Bordhöhe nicht retten.

Die Crew versorgte die Schutzsuchenden mit Lebensmitteln sowie Trinkwasser, ließ eine Rettungsinsel zu Wasser und blieb bis zu deren Rettung bei den Menschen.

"Sea-Eye 4" 40 Stunden vom Unfallort entfernt

Zum Zeitpunkt des Funkspruchs war die "Sea-Eye 4" laut eigenen Angaben 40 Stunden vom Unglücksort entfernt. Während das Rettungsschiff Kurs auf die Unglücksstelle nahm, erreichte am Sonntag ein zweites Containerschiff die Schutzsuchenden und konnte sie schließlich retten.

Bis dahin waren die Menschen laut "Sea-Eye" bereits vier Nächte auf See. Stunden später erreichte auch das Rettungsschiff die Stelle und nahm die Geretteten schließlich an Bord.

Rettungsschiffe im Mittelmeer

Für die "Sea-Watch 4" dürfte der aktuelle Einsatz einer der letzten unter dem derzeitigen Namen sein: Ab August wird das Seenotrettungsschiff von SOS Humanity betrieben und sticht unter dem neuen Namen "Humanity 1" in See. Das Schiff ist ein ehemaliges deutsches Forschungsschiff, das vor zwei Jahren auf Initiative des Bündnisses United4Rescue erworben, umgebaut und in Betrieb gesetzt wurde. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte die breit angelegte Spendenkampagne unter dem Motto "Wir schicken ein Schiff" initiiert. Inzwischen umfasst das Bündnis United4Rescue mehr als 800 Organisationen, Religionsgemeinschaften, Unternehmen und Initiativen.

Die Organisation Sea-Watch kündigte an, mit dem Rettungsschiff "Sea-Watch 3" sowie mit den Aufklärungsflugzeugen "Seabird 1" und "Seabird 2" weiterhin im zentralen Mittelmeer aktiv sein.

SOS Humanity wurde als Organisation zur Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer 2015 in Berlin gegründet und war bis 2021 im Verbund von SOS Méditerranée aktiv, der aktuell die "Ocean Viking" betreibt.

Kritik in Richtung Malta

Ohne die Besatzungen der beiden Containerschiffe hätten die Menschen keine Chance gehabt, zu überleben, erklärte der Sea-Eye-Vorsitzende Gorden Isler.

Sie wären verdurstet oder ertrunken. Soweit hätte es nicht kommen dürfen.

"Erneut lehnte Malta die Verantwortung und Koordinierung ab, sodass die deutsche Rettungsleitstelle in Bremen gezwungen war, einen Seenotfall auf dem Mittelmeer zu koordinieren", kritisierte Isler. Ein Sprecher für die CPO Containerschiffreederei GmbH & Co. KG aus Hamburg sagte, den Geretteten gehe es nach bisherigen Erkenntnissen "bis auf zwei offensichtlich seekranke Personen gut".

44 Tote vor Küste der Westsahara

Vor der Küste der Westsahara kamen indes zahlreiche Menschen ums Leben: Die Hilfsorganisation "Caminando Fronteras" meldete 44 Tote. Das Boot der Geflüchteten sei gekentert. Zwölf Menschen haben demnach überlebt und seien von marokkanischen Behörden festgenommen worden.

Auf Twitter gab die Gründerin der Hilfsorganisation bekannt, nur sieben Leichen haben geborgen werden können - die restlichen habe "das Meer verschluckt".

Die Mittelmeer-Route gilt als extrem gefährlicher Fluchtweg. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit Beginn dieses Jahres schon mehr als 640 Menschen bei der Überfahrt ums Leben gekommen oder werden vermisst. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.