Olaf Scholz und Recep Tayyip Erdogan beim Handschlag. | dpa

Krieg gegen die Ukraine Deutsch-türkischer Schulterschluss

Stand: 15.03.2022 04:23 Uhr

Die Türkei war zuletzt ein schwieriger Partner für Deutschland und die NATO. Doch im Zeichen des Ukraine-Krieges rückt Präsident Erdogan die Gemeinsamkeiten wieder in den Vordergrund - auch beim Antrittsbesuch von Kanzler Scholz.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Hauptstadtstudio

Mehr als zwei Stunden lang sprachen Bundeskanzler Olaf Scholz und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan unter vier Augen - deutlich länger als geplant. Erdogan lobte anschließend die "sehr herzliche Atmosphäre". Auch wenn unterschiedliche Auffassungen in Menschenrechtsfragen nicht verschwiegen wurden: Nach Russlands Überfall auf die Ukraine sind beide Seiten vor allem daran interessiert, die Gemeinsamkeiten zu betonen. "Wir sind uns beide, Präsident Erdogan und ich, völlig einig in der Verurteilung des gewaltsamen militärischen Vorgehens Russlands in der Ukraine", sagte Scholz. "Und wir sind uns völlig einig, dass es so schnell wie möglich einen Waffenstillstand geben muss."

Martin Ganslmeier ARD-Hauptstadtstudio

Scholz lobt türkische Vermittlungen

Ausdrücklich lobte Scholz die diplomatischen Bemühungen der türkischen Regierung. Das erste Treffen der Außenminister Russlands und der Ukraine fand in der vergangenen Woche auf türkische Initiative hin in Antalya statt. Auch wenn es ergebnislos blieb, sprach Scholz von einem "wichtigen und verdienstvollen" Treffen. Zusätzlich habe die Türkei die Ukraine militärisch unterstützt: durch die Lieferung von Kampfdrohnen und die Sperrung der Bosporus-Durchfahrt für russische Kriegsschiffe.

Die deutsche und die türkische Regierung - so Scholz - sind sich in der Beurteilung der aktuellen Lage einig: "Mit jedem Tag, mit jeder Bombe, entfernt sich Russland mehr aus dem Kreis der Weltgemeinschaft, die wir miteinander bilden. Deshalb unser gemeinsamer Appell an den russischen Präsidenten: Halten Sie inne! Zu diesem Konflikt kann es nur eine diplomatische Lösung geben."

"Freundschaft zu Herrn Selenskyj und zu Herrn Putin"

Anders als Deutschland will der türkische Staatspräsident jedoch seinen guten Draht zum russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht gefährden. Deshalb beteiligt sich die Türkei nicht an den Sanktionen des Westens gegen Russland. Zum einen will Erdogan ein glaubhafter Vermittler auch für Russland bleiben. Zum anderen ist die türkische Wirtschaft abhängig von russischer Energie und Weizenimporten aus Russland.

Selbst weitere Waffenkäufe in Russland will Erdogan nicht ausschließen - trotz heftiger Kritik der NATO-Partner, als die Türkei vor vier Jahren ein russisches Raketenabwehrsystem bestellte. "Wir müssen unsere Freundschaft sowohl zu Herrn Selenskyj als auch zu Herrn Putin aufrechterhalten", sagte Erdogan "Aber die Türkei hält sich an alle Vorgaben der Vereinten Nationen zu den Sanktionen." Man habe der Ukraine sogar Hilfe geleistet, die selbst NATO-Staaten nicht geleistet haben - und zwar trotz Russland, so der türkische Präsident.

Ausbau der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen

Auch die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen wollen Scholz und Erdogan ausbauen. Der Bundeskanzler denkt dabei an die künftige, stärker diversifizierte Energieversorgung Deutschlands. Die Türkei könne hier ein wichtiger Partner sein - sowohl bei der Produktion von grünem Wasserstoff als auch als Durchleitungsland von Erdgas, das nicht aus Russland kommt.

Erdogan wiederum hofft, dass die Beziehungen zwischen der Türkei und der EU weiter vertieft werden. Auch hier hat der Ukraine-Krieg für ein Umdenken in der türkischen Regierung gesorgt. Nicht nur die NATO erlebt eine Renaissance, auch die Europäische Union hat deutlich an Anziehungskraft gewonnen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. März 2022 um 05:40 Uhr.