Verteidigungsminister Schoigu und Armeechef Gerassimow | AP
FAQ

Russland "Schmutzige Bombe" - "dreckiges Spiel"?

Stand: 27.10.2022 12:47 Uhr

"Schmutzige Bomben" galten bislang als ein mögliches Werkzeug von Terroristen. Nun wirft Russland der Ukraine vor, an einer solchen Bombe zu arbeiten. Was hat es damit auf sich - und was ist eine "schmutzige Bombe"? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist eine "schmutzige Bombe"?

Der Begriff "schmutzig" hebt auf die Vermischung verschiedener Sorten ab. Eine solche Bombe besteht aus konventionellem Sprengstoff, zu der radioaktives Material hinzugefügt wird. Dies muss nicht hoch angereichertes Material sein, wie es in Atombomben zum Einsatz kommt. Es kann sich auch um Material handeln, das in Forschungseinrichtungen oder Krankenhäusern zum Einsatz kommt.

Das macht ihren Bau einfacher und billiger als den von "reinen" Atombomben - je nach dem, wie groß die Menge des beigemischten nuklearen Materials ist. Auch ihr Einsatz ist einfacher - theoretisch können solche Bomben auch mit der Hand oder mit einem Pkw zum Detonationsort gebracht werden.

Wie wirkt eine "schmutzige Bombe"?

Das hängt von der Menge des Materials, das bei der Detonation freigesetzt wird und vom Grad seiner nuklearen Anreicherung ab. Enthält die Bombe nur eine geringe beziehungsweise schwach angereicherte Menge, würde sie anders wirken als die Atombomben, die die USA Ende des Zweiten Weltkrieges über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen haben. Die freigesetzte Strahlung würde nicht zwangsläufig zum unmittelbaren Tod von Menschen in dem betroffenen Gebiet führen. Allerdings wäre die Region auf Jahre nuklear verseucht. Und langfristig würde auch eine geringere Strahlung auf die Gesundheit der Bewohner wirken und Menschenleben kosten. Die BBC zitiert ein Modell der Vereinigung Amerikanischer Wissenschaftler: Sollte an der Spitze Manhattans eine Bombe aus fünf Kilogramm TNT und neun Gramm Kobalt-60 detonieren, dann würde der gesamte Bezirk für Jahrzehnte unbewohnbar werden und ein erhöhtes Krebsrisiko der Bewohner nach sich ziehen.

Kommt in einer solchen Bombe eine größere Menge hoch angereicherten Materials zum Einsatz, wäre nicht nur das Ausmaß der nuklearen Verseuchung deutlich größer. Ihre Strahlung würde auch unmittelbar und in kürzerer Zeit Menschen töten. Und ganze Landstriche würden unbewohnbar. In jedem Fall aber ist die Wirkung einer "schmutzigen Bombe" unberechenbarer als die einer Atombombe, da das nukleare Material in Pulverform beigemischt werden müsste. Dadurch hängt ihre Streuung aber stark von der Feinheit des Pulvers und vom Wind ab - mit dem entsprechenden Risiko auch für die Kriegspartei, die die Bombe einsetzt.

Wer hat das Material für den Bau einer solchen Bombe?

Die Ukraine hat keinen unmittelbaren Zugriff auf Material, das für den Bau einer solchen Bombe verwendet werden könnte. Die Atomsprengköpfe, die nach dem Zerfall der Sowjetunion auf dem Gebiet der Ukraine verblieben waren, hat das Land in den Jahren danach an Russland abgegeben - der Prozess wurde 2001 abgeschlossen. Im Gegenzug garantierten Russland, Großbritannien und die USA der Ukraine 1994 im Budapester Memorandum ihre Souveränität und Grenzen. Die Atomkraftwerke in der Ukraine stehen unter der Kontrolle der IAEA - das würde es zumindest erschweren, Material für den Einsatz in einer "schmutzigen Bombe" zu entwenden. Und dieses müsste dann entsprechend aufbereitet werden.

Anders verhält es sich mit Russland. Russland verfügt als Atommacht über genügend nukleares Material, das in einer solchen Bombe verwendet werden könnte.

Wurde eine solche Bombe schon einmal eingesetzt?

Bislang ist der Einsatz einer solchen Bombe nicht bekannt, wohl aber der Versuch. 1996 deponierten tschetschenische Rebellen einen radioaktiv verseuchten Sprengsatz in einem Moskauer Park. Das Material stammte aus einer medizinischen Einrichtung für Krebspatienten. Er wurde rechtzeitig gefunden. Zwei Jahre später wurde in Tschetschenien selbst ein radioaktiver Sprengsatz an einer Eisenbahnlinie entdeckt und entschärft. 2002 wurde in den USA ein Bürger unter dem Verdacht verhaftet, den Einsatz einer solchen Bombe zu planen - er soll Kontakte zu Al Kaida gehabt haben. Ein Gericht verurteilte ihn zu 21 Jahren Haft. 2004 wurde in Großbritannien ein britisches Al-Kaida-Mitglied verhaftet - er wurde wegen Vorbereitung terroristischer Anschläge im Vereinigten Königreich und den USA einschließlich des Einsatzes einer "schmutzigen Bombe" zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt.

Experten haben deshalb "schmutzige Bomben" eher mit Terrororganisationen in Verbindung gebracht, nicht aber mit Staaten.

Hat Russland Beweise für seine Vorwürfe vorgelegt?

Zunächst behauptete der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu in Telefongesprächen mit mehreren westlichen Außenministern, dass die Ukraine entsprechende Pläne verfolge, später legten Präsident Wladimir Putin und das russische Außenministerium nach. Beweise wurden aber zunächst nicht vorgelegt. Dann veröffentlichte das russische Außenministerium Fotos auf Twitter, die belegen sollten, dass die Ukraine kurz vor der Fertigstellung der Bombe stehe. Sie zeigen unter anderem durchsichtige Tüten, die radioaktives Material enthalten sollen und auf denen das Warnsymbol für Radioaktivität aufgedruckt ist. Die Echtheit dieser Fotos wird jedoch bestritten. Die slowenische Regierung meldete sich zu Wort und teilte mit, das verwendete Foto stamme von der landeseigenen Behörde für die Entsorgung radioaktiver Abfälle, der ARAO, und sei bereits im Jahr 2010 entstanden. Darauf seien keine radioaktiven Materialien zu sehen. Vielmehr handele es sich um Rauchmelder.

Was sagt die Ukraine zu den Vorwürfen?

Die Ukraine hat die Vorwürfe von Anfang an bestritten und darauf verwiesen, dass es seine Atombomben 1994 abgegeben hat. Außenminister Dmytro Kuleba warf Russland vor, seinerseits den Einsatz einer solchen Bombe zu planen und mit den Vorwürfen an die Ukraine davon ablenken zu wollen.

Westliche Experten ordnen die Vorwürfe Schoigus in die Propagandastrategie ein, die Russland seit Kriegsbeginn verfolgt. So wurde der Ukraine vorgeworfen, zu versuchen, in den Besitz von Atomwaffen zu kommen - dafür fehlt bis heute jeder Beweis. Präsident Putin wiederum spielte auf seine Weise auf der nuklearen Klaviatur, in dem er wiederholt kaum verhohlen mit dem Einsatz von Atomwaffen drohte. Beobachter sahen darin den Versuch, den Westen vom einem Engagement für die Ukraine abzuhalten oder dieses zu schwächen - und auf die Öffentlichkeit im Westen zu wirken und dort Ängste vor einem Atomkrieg zu schüren.

Unstrittig ist: Der Einsatz vom Atombomben oder auch nur "schmutzigen Bomben" würde den Krieg in der Ukraine in eine neue Phase führen mit unabsehbaren Folgen. Die USA haben Russland mit starken Worten vor einer solchen Eskalation gewarnt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat hingegen die Folgen eines möglichen Einsatzes von taktischen Atombomben heruntergespielt. In jedem Fall aber würde Russland auch seine eigenen Truppen im Kriegsgebiet gefährden und ein Gebiet verseuchen, dass es immer wieder als ur-russisch bezeichnet.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Oktober 2022 um 17:00 Uhr.