Männer stehen neben einem Bus beim Militärstützpunkt Jaworiw in der Westukraine. | REUTERS

Krieg in der Ukraine Die rote Linie hält noch

Stand: 14.03.2022 17:00 Uhr

Der russische Angriff auf ein Trainingszentrum nahe der polnischen Grenze zeigt, wie nahe Russland und die NATO einer direkten Konfrontation immer wieder kommen. Doch bislang überquert keine Seite diese rote Linie.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

25 Kilometer von der Grenze zu Polen entfernt liegt das Militärausbildungszentrum bei Jaworiw, das am Sonntag von einem schweren russischen Raketenangriff getroffen wurde. Auf dem Militärgelände wurden nach ukrainischen und polnischen Angaben ausländische Freiwillige für den Einsatz gegen die russischen Truppen vorbereitet. Reporter des US-Mediums Buzzfeed sprachen mit sechs Freiwilligen aus den USA und Großbritannien, die den Angriff aus der Nähe erlebt haben sollen.

35 Menschen wurden getötet und mehr als 130 verletzt, erklärten ukrainische Behörden. Unter ihnen seien keine Ausländer. Das russische Verteidigungsministerium behauptete hingegen, bis zu 180 ausländische Söldner seien getötet und ein großes Versteck ausländischer Waffen zerstört worden.

Warnungen vor Einschlägen auf NATO-Gebiet

Je mehr der russische Vormarsch ins Stocken geriet und der Druck durch die Sanktionen auf Russland wächst, desto konkreter fallen die Drohungen der russischen Führung auch in Richtung NATO, USA und EU aus.

So erklärte Präsident Wladimir Putin, die Sanktionen kämen einer Kriegserklärung gleich. Ausländische Kämpfer werde man wie Söldner behandeln, sagte er bei anderer Gelegenheit. Vizeaußenminister Sergej Rjabkow warnte am Samstag, die russischen Streitkräfte könnten Waffentransporte aus dem Ausland zum Ziel nehmen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nahm den Raketenangriff auf das Trainingszentrum erneut zum Anlass, um vor Einschlägen auch auf NATO-Gebiet zu warnen. Dies sei "nur eine Frage der Zeit". Auch aus den baltischen Staaten und Polen kommen immer wieder solche Warnungen. Es würde bedeuten, dass die letzte rote Linie - eine direkte Konfrontation zwischen NATO und Russland - überschritten würde, ob mit Absicht oder durch fehlgeleitete Angriffe.

Vermeidung jeder direkten Konfrontation

Die NATO-Staaten jedenfalls versuchen die Unterstützung für die Ukraine so zu organisieren, dass eine solche Konfrontation verhindert werden kann. Schon vor Beginn des Krieges am 24. Februar zogen die USA ihr Personal aus der Ukraine ab, darunter 150 Ausbilder, die das ukrainische Militär trainiert hatten. NATO-Staaten wie Großbritannien und Frankreich warnten die Angehörigen ihrer Streitkräfte davor, als Freiwillige zum Kämpfen in die Ukraine zu gehen - damit die russische Führung es nicht so auslegen kann, als ob die Staaten an den Kampfhandlungen beteiligt wären.

Auch das Hin und Her um die Bereitstellung polnischer Kampfjets und die Ablehnung der Forderung der Ukraine nach Einrichtung einer Flugverbotszone zeigen, dass die NATO auch um den Preis vieler Menschenleben in der Ukraine Kampfhandlungen mit den russischen Streitkräften verhindern will.

Kommunikationskanäle zum russischen Generalstab

Da die russischen Truppen nun verstärkt Ziele im Westen der Ukraine und damit nahe der Grenzen zu den östlichen NATO-Staaten ins Visier nehmen, wächst die Gefahr von unbeabsichtigten Zwischenfällen. Das betrifft neben dem Militärausbildungszentrum nahe der polnischen Grenze den Flughafen der Stadt Iwano-Frankiwsk und andere Nachschubrouten, über die zum Beispiel Panzerabwehr- und Flugabwehrwaffen an die Ukraine geliefert werden. Diese erwiesen sich als wirksam dabei, den Vormarsch der russischen Streitkräfte zu verzögern.

Der Militärexperte von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Oberst a.D. Wolfgang Richter, warnt vor unbeabsichtigten Gefahrenmomenten, wenn zum Beispiel russische Flugzeuge in das Visier von Flugabwehrwaffen der NATO gerieten. Deshalb seien die Verbindungen zwischen den militärischen Hauptquartieren wichtig, sagte er im ARD-Brennpunkt. Sowohl die NATO-Militärführung als auch das US-Verteidungsministerium hätten direkten Kontakt zum russischen Generalstab.

Das ist ein Vorteil gegenüber dem Krieg 2008 in Georgien, als es nur noch einen Kommunikationskanal nach Moskau gegeben habe, sagte Fiona Hill, damals im Nationalen Geheimdienstausschuss der US-Regierung für Russland zuständig. Missverständnisse, widersprüchliche Informationen und Fehlkalkulationen hätten die Lage erschwert. Letztlich sei es wenigen Personen mit nüchternem Kopf zu verdanken gewesen, dass aus dem Krieg am Rande Europas kein Flächenbrand geworden sei.

Hinzu kommt heute eine um ein Vielfaches bessere Satellitenauklärung sowie eine offenere Kommunikation und besonnenere Außenpolitik der US-Regierung als damals unter Präsident George W. Bush.

Zwischenfälle, die viele Fragen offen lassen

Es gibt jedoch aktuell Zwischenfälle, über die wenig kommuniziert wird und die deshalb schwer einzuordnen sind. Bislang ungeklärt ist, was es mit einer Militärdrohne auf sich hat, die am Donnerstagabend am Rande von Kroatiens Hauptstadt Zagreb abgestürzt ist und einen Krater hinterließ. Nach kroatischen Angaben befanden sich an der Drohne Sprengstoffspuren und Teile einer Fliegerbombe sowjetischer Bauart. Es wurde niemand verletzt.

Dennoch zeigte sich die kroatische Führung beunruhigt. Offenbar war die Drohne auf dem Gebiet der Ukraine gestartet und flog unbehelligt durch den Luftraum zweier weiterer NATO-Staaten, bevor sie in Kroatien abstürzte. Ministerpräsident Andrej Plenkovic sprach von einer "sehr klaren Bedrohung" und forderte Aufklärung von der NATO. Unklar sei, in wessen Besitz die Drohne gewesen sei und ob es sich um Absicht gehandelt habe.

Spekulationen und wenig konkrete Informationen gibt es auch über ein Frachtschiff der estnischen Firma VISTA Shipping Agency AS, das unter der Flagge Panamas fuhr. Es sank Anfang März vor der ukrainischen Stadt Odessa. Weder ist klar, was das Schiff geladen hatte, noch was zu dessen Untergang führte und warum es dort unterwegs war, wo es eine starke russische Militärpräsenz gibt und Minen liegen. Die Besatzung konnte estnischen Angaben zufolge gerettet werden. Das Außenministerium in Tallinn betonte, es handele sich nicht um estnische Staatsbürger.

Zwischenfälle ohne Konsequenzen

Ereignisse, die zu schweren Krisen zwischen der NATO und Russland hätten führen können, gab es bereits in den vergangenen Jahren. Dazu zählt der Abschuss eines russischen Kampfjets im syrisch-türkischen Grenzgebiet durch die Türkei im Jahr 2015. Während zwischen Russland und der Türkei eine Eiszeit einsetzte, blieb die NATO bei diesem Thema weitgehend außen vor.

Ohne weitere Konsequenzen blieb auch ein Zwischenfall in Syrien im Februar 2018, als es zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen Amerikanern und Russen kam - der ersten seit Ende des Vietnam-Krieges, wie der russische Experte Wladimir Frolow erklärte.

Auch wenn wenig über das Zustandekommen bekannt wurde, scheint klar, dass diese Auseinandersetzung zufällig und damit ungewollt war. Involviert waren offenbar nicht reguläre russische Soldaten, sondern Söldner des russischen Unternehmens Wagner Gruppe.

Diese älteren und aktuellen Beispiele zeigen, dass die NATO und Russland nach Zwischenfällen bislang eine militärische Eskalation vermieden. Das trifft auch auf Annäherungen an den gegenseitigen Flugraum und andere militärische Zwischenfälle zu.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und US-Präsident Joe Biden schließen einen Einsatz in der Ukraine aus, um eine direkte Konfrontation zu verhindern. Fraglich ist angesichts der militärstrategischen Lage, ob die russische Führung eine Konfrontation mit der NATO suchen würde. Die Atommacht stünde den drei Atommächten USA, Frankreich und Großbritannien gegenüber. Der ins Stocken geratene Einmarsch in der Ukraine zeigt Schwächen des russischen Militärs auf, dem mit der NATO eine weit größere Streitmacht als die ukrainischen Kräfte entgegen stünde. Noch jedenfalls hält die letzte rote Linie im Konflikt zwischen der NATO und Russland.

Über dieses Thema berichtete der ARD-Brennpunkt am 13. März 2022 um 20:15 Uhr.