Ein ukrainischer Soldat steht vor einem ausgebrannten Fahrzeug in Kiew  | EPA

Krieg in der Ukraine Russischer Vormarsch wohl vorerst ausgebremst

Stand: 26.02.2022 19:12 Uhr

Die russische Invasion in die Ukraine wird nach Einschätzung der USA und Großbritanniens von heftigem Widerstand ukrainischer Truppen gebremst. Auch die Zivilbevölkerung wurde zu den Waffen gerufen. Russland kündigte an, die Offensive auszuweiten.

In der Ukraine stoßen die russischen Streitkräfte offenbar weiter auf erheblichen Widerstand ukrainischer Truppen. Ein Vertreter des US-Verteidigungsministeriums sagt, besonders im Norden kämen russische Truppen nicht so rasch voran, wie sie geplant hätten.

Die russischen Streitkräfte seien zunehmend frustriert über den Verlauf der Kämpfe. "Wir wissen, dass sie nicht die Fortschritte gemacht haben, die sie machen wollten, besonders im Norden", sagte der Vertreter, ohne Beweise vorzulegen. "Es hat sie verlangsamt", fügte er hinzu. Bislang hatten die USA 250 Starts russischer Raketen beobachtet. Russland setze bei der Invasion mehr als die Hälfte der Truppen ein, die in die Region rund um die Ukraine verlegt worden seien.

Die Karte zeigt die Ukraine mit dem Separatistengebiet in Luhansk und Donezk sowie Teile Russlands und Belarus'.

Russische Armee in "akuten logistischen Schwierigkeiten"

Auch das britische Verteidigungsministerium teilte mit, dass sich der russische Vormarsch in die Ukraine vorübergehend verlangsamt habe. Gründe seien "akute logistische Schwierigkeiten und starker ukrainischer Widerstand", schriebt das Ministerium in einem regelmäßig auf Twitter veröffentlichten Geheimdienst-Update.

Russische Streitkräfte würden wichtige ukrainische Bevölkerungszentren umgehen, während sie Truppen zurückließen, damit diese die Zentren einkreisen und isolieren, heißt es in der Mitteilung. In der gestrigen Nacht sei an den Zusammenstößen in der Hauptstadt Kiew wahrscheinlich eine begrenzte Anzahl von vorpositionierten russischen Gruppen beteiligt gewesen. Und weiter: "Die Eroberung von Kiew bleibt Russlands primäres militärisches Ziel."

Der Großteil der beim Vorstoß auf Kiew beteiligten russischen Truppen ist nach britischen Angaben rund 30 Kilometer vom Zentrum der ukrainischen Hauptstadt entfernt. Russland habe bisher nicht die Kontrolle über den ukrainischen Luftraum erlangt. "Die russischen Verluste werden wahrscheinlich schwer sein und größer als erwartet oder vom Kreml zugegeben", hieß es weiter.

Ukraine ruft zum Abbau von Straßenschildern auf

Um den russischen Vormarsch zu stören, rief die ukrainische Straßenverwaltung zum Abbau aller Straßenschilder auf. Priorität hätten Namen von Siedlungen und Orten. "Der Feind hat eine erbärmliche Mobilverbindung, er kann sich nicht am Terrain orientieren", teilte die Behörde über den Nachrichtenkanal Telegram mit. "Helfen wir ihm, direkt zur Hölle zu fahren."

In Anbetracht des erwarteten großen russischen Angriffs auf Kiew verteilten die Behörden nach eigenen Angaben zahlreiche Waffen an die Einwohner. Insgesamt seien 25.000 automatische Waffen sowie 10 Millionen Patronen ausgegeben worden, sagte Innenminister Denys Monastyrskyj in einem Video. Auch Panzerabwehrwaffen seien ausgehändigt worden. "Kiew wird sich selbst verteidigen", sagte Monastyrskyj. Er sagte, er sei stolz, wenn er sehe, wie die Menschen ihre Städte, Dörfer, Straßen und Häuser verteidigten. "Sie organisieren sich selbst, es gibt keine Plünderungen oder Raubüberfälle."

900.000 Ukrainer zu den Waffen gerufen

Zuvor hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Generalmobilmachung angeordnet und Reservisten im Alter zwischen 18 und 60 Jahren aus dem ganzen Land zu den Waffen gerufen. Dies sind insgesamt etwa 900.000 Menschen. Ob diese Reservekräfte ausreichend ausgerüstet und ausgebildet sind, um eine wirksame Rolle zur Unterstützung der 200.000 Berufssoldaten zu spielen, ist allerdings offen. 

Auch die Zivilbevölkerung wurde zum Widerstand aufgerufen: "Wir bitten die Bürger, uns über feindliche Bewegungen zu informieren, Molotowcocktails zu werfen und die Besatzer zu neutralisieren", erklärte das ukrainische Verteidigungsministerium etwa nach Kämpfen in dem Kiewer Bezirk Obolonsky. 

Selenskyj zeigte sich weiter kämpferisch. "Ich bin hier. Wir werden unsere Waffen nicht niederlegen", sagte er in einer Videobotschaft. Die ukrainische Armee wehre "feindliche Angriffe erfolgreich" ab, betonte Selenskyj. Zwar gebe es in vielen Regionen der Ukraine weiterhin Kämpfe, die Hauptstadtregion werde aber von der ukrainischen Armee kontrolliert.  Der Ukraine sei es gelungen, Russlands Plan zu "durchkreuzen", eine "Marionetten"-Regierung in Kiew zu installieren.

Vollständige Ausgangssperre in Kiew

In Kiew wurde eine vollständige Ausgangssperre bis zum kommenden Montag verhängt. Die Ausgangssperre gelte zwischen Samstag um 17.00 Uhr und 08.00 Uhr am Montag, erklärte die ukrainische Hauptstadtverwaltung auf Telegram. "Alle Zivilisten, die während der Ausgangssperre auf den Straßen sind, werden als Mitglieder von Sabotagegruppen des Feindes betrachtet."

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko erklärte, russische Sabotagetrupps seien in Kiew eingedrungen. Reguläre russische Soldaten befänden sich hingegen nicht in der Hauptstadt. Der U-Bahn-Verkehr in Kiew wurde eingestellt. Klitschko erklärte, die U-Bahn-Stationen dienten nun als Schutzräume für die Bürger der Stadt. Laut Klitschko versuchten die russischen Streitkräfte insbesondere aus den nordwestlich und westlich gelegenen Orten Hostomel und Schotomyr nach Kiew vorzustoßen.

Russland: Offensive in alle Richtungen erweitern

Nach Darstellung Selenskyjs sind inzwischen Zehntausende russische Truppen in die Ukraine einmarschiert. "Mehr als 100.000 Eindringlinge sind in unserem Land", twitterte der Präsident. "Sie schießen heimtückisch auf Wohngebäude."

Auch im Osten der Ukraine dauerten die Kämpfe an. AFP-Reporter sahen zwischen Kramatorsk und Dnipro zahlreiche ukrainische Militärkonvois. An den Ausfahrtstraßen größerer Städte wurden militärische Straßenkontrollen eingerichtet. Alarmsirenen waren am Samstagmorgen auch in Charkiw zu hören. Russland nahm unterdessen nach eigenen Angaben die Stadt Melitopol im Süden der Ukraine ein. 

Russland kündigte eine Ausweitung seiner Militäroffensive in der Ukraine an. Den Streitkräften sei befohlen worden, nunmehr "die Offensive in alle Richtungen zu erweitern", teilte das Verteidigungsministerium in Moskau mit. Begründet wurde der Befehl damit, dass die Ukraine Verhandlungen mit Russland abgelehnt habe.

Mehrere Staaten wollen Waffen liefern

Laut Selenskyj erwartet die Ukraine weitere Waffenlieferungen seiner Partner. "Die Anti-Kriegs-Koalition funktioniert", twitterte er nach einem Telefonat mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron. 

Auch die Bundesregierung weicht ihr Nein zu Waffenlieferungen an die Ukraine offenbar auf. Deutschland sei einverstanden, dass ein anderes Land 400 Panzerfäuste aus deutscher Produktion an die Ukraine weitergebe, erfuhr das ARD-Hauptstadtstudio aus Regierungskreisen. 

Das niederländische Verteidigungsministerium kündigte an, "so schnell wie möglich" 200 Stinger-Flugabwehrraketen an die Ukraine zu liefern. Tschechien erklärte, es werde der Ukraine Waffen im Wert von 7,6 Millionen Euro bereitstellen. Auch andere NATO-Staaten, darunter die USA und Großbritannien, sagten Kiew weitere Waffenlieferungen zu.

Die ukrainischen Streitkräfte töteten bislang laut eigenen Angaben 3500 russische Soldaten und nahmen 200 gefangen. Zudem seien 14 Flugzeuge, acht Hubschrauber, 102 Panzer und mehr als 530 weitere Militärfahrzeuge zerstört worden. Der Gesundheitsminister erklärte, bislang seien 198 Zivilisten getötet worden. Darunter seien drei Kinder.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Über dieses Thema berichtete am 26. Februar 2022 die tagesschau um 17:21 Uhr und Deutschlandfunk um 18:00 Uhr in den Nachrichten.