Autos aus Russland, die an der finnischen Grenze auf die Ausreise warten. | AFP

Einberufung von Reservisten Russen setzen sich ins Ausland ab

Stand: 22.09.2022 21:17 Uhr

Seit Kriegsbeginn haben laut EU etwa eine halbe Million Russen ihr Land verlassen - und durch die Mobilmachung verstärkt sich der Trend. Die Dagebliebenen sollen mit viel Geld geködert werden.

Nach der Teilmobilmachung in Russland mehren sich die Zeichen für eine Absetzbewegung von Russen im wehrfähigen Alter. Nach einem Run im Internet auf Flugtickets ins Ausland berichtete der Grenzschutz des EU-Landes Finnland über vermehrte Einreisen von Russen. Bereits am Mittwoch, dem Tag, als die Teilmobilmachung bekanntgegeben worden war, hatte der Grenzschutz mit etwas mehr als 4800 Personen, die über die Grenze gekommen waren, deutlich mehr Einreisen verzeichnet als eine Woche zuvor. Und der Grenzverkehr habe sich in der Nacht zu Donnerstag verstärkt, sagte der Chef der finnischen Grenzschutz-Abteilung.

Stundenlanges Warten an der Grenze

Auch an der Grenze zu Georgien bildeten sich lange Autoschlangen. Ein Einreisender an der Grenze zur Mongolei berichtete der Nachrichtenagentur AFP, dass er zwölf Stunden lang habe warten müssen, bis er mit dem Auto die Grenze überqueren konnte. Auf dem Flughafen von Eriwan in Armenien sagten Russen der AFP, vor der Mobilisierung geflohen zu sein. Der 45-jährige Dmitri ließ nach eigener Schilderung Frau und Kinder in der Heimat zurück. "Ich will nicht in diesem sinnlosen Krieg sterben. Es ist ein Bruderkrieg", sagte er.  Die Situation in Russland würde jeden dazu bringen, das Land zu verlassen, sagte ein 44-Jähriger. Sein 17-jähriger Sohn fügte hinzu: "Wir wollen nicht warten, bis wir eingezogen werden."

Direktflüge von Moskau nach Istanbul in der Türkei und Eriwan in Armenien - wohin visumfreie Ausreisen erlaubt sind - waren im Internet ausverkauft. Die Preise für andere Flüge stiegen stark an. Laut dem Online-Dienst Google Trends wurden die Suchbegriffe "Tickets" und "Flugzeug" seit Mittwoch in Russland doppelt so häufig im Internet eingegeben wie sonst üblich. Die Suchanfrage "Russland verlassen" war hundert Mal häufiger als an normalen Tagen.

In Brüssel erklärte die EU-Kommission, seit dem Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar hätten schon eine halbe Million Russen ihre Heimat verlassen. Die Regierung in Moskau bezeichnete Berichte über eine Fluchtbewegung als übertrieben. Nach Angaben des russischen Militärs meldeten sich binnen 24 Stunden rund 10.000 Menschen freiwillig, um in der Ukraine zu kämpfen. Sie seien ohne auf die Vorladung zu warten in die Rekrutierungsbüros gekommen, sagte ein Militärsprecher der russischen Nachrichtenagentur Interfax.

50.000 Euro im Todesfall

Derweil versuchen die Behörden, Reservisten mit Geld zu überzeugen. Die russische Hauptstadt Moskau will jedem eingezogenen Moskauer monatlich 50.000 Rubel (830 Euro) zum Sold dazuzahlen, teilte Bürgermeister Sergej Sobjanin mit. Im Fall einer schweren Verwundung solle eine Million Rubel gezahlt werden, bei einer leichten Verwundung die Hälfte. Beim Tod eines Soldaten erhalte die Familie drei Millionen Rubel, also knapp 50.000 Euro.

Auch das Gebiet Kursk und die Teilrepublik Udmurtien versprachen nach Angaben der Agentur Tass Geldzulagen. Allerdings haben die Regionen in Russland viel weniger Geld zur Verfügung als die reiche Hauptstadt.

Werden Protestierende in den Krieg geschickt?

Der Kreml dementierte zudem Berichte, wonach bei der Teilmobilmachung tatsächlich die Einberufung von bis zu einer Million Reservisten möglich sei. Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach von einer Lüge, wie russische Agenturen am Donnerstag in Moskau meldeten.

Das Internetportal der in Russland inzwischen eingestellten Zeitung "Nowaja Gaseta" schrieb dagegen, Putin gebe dem Verteidigungsministerium freie Hand zur Mobilisierung von bis zu einer Million Mann. Dies stehe in Punkt 7 von Putins Erlass vom Mittwoch. Dieser Punkt fehlte in der Veröffentlichung und war als "Nur für den Dienstgebrauch" eingestuft. Die aus dem Exil agierende Zeitung berief sich in ihrem Bericht auf angebliche Quellen im russischen Präsidialamt. Peskow selbst hatte am Mittwoch gesagt, dass es in dem Absatz um die Zahl der Reservisten geht.

Bei Protesten gegen die Mobilmachung wurden bislang etwa 1500 Menschen festgenommen. Ihnen droht nun möglicherweise die Zwangsverpflichtung zur Armee. Peskow dementierte bei einer Frage dazu nicht, dass bei Protesten gegen die Teilmobilmachung festgenommene Männer einen Einberufungsbescheid für den Einsatz im Ukraine-Krieg bekommen könnten. Die sei nicht illegal, so der Kreml-Sprecher. Zudem hat die russische Armee nach Experteneinschätzungen in der Ukraine auch bisher überproportional viele Angehörige nationaler Minderheiten eingesetzt.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 22. September 2022 um 21:30 Uhr.