Ein ukrainischer Soldat geht in Kiew an einem zerstörten Fahrzeug vorbei | AP
Hintergrund

Angriff auf die Ukraine Warum der Krieg noch nicht entschieden ist

Stand: 01.03.2022 16:22 Uhr

Sechs Tage läuft der Angriff Russlands gegen die Ukraine, und die meisten Beobachter sind sich einig: Die Armee kommt langsamer voran als erwartet. Woran liegt das? Und kann Russland selbst nach einem Sieg die Ukraine langfristig beherrschen?

Als der Krieg begann, hatte die russische Armee das Überraschungsmoment auf ihrer Seite. Sie griff auf breiter Front an: im Osten der Ukraine, von der Krim, aber auch im Norden. Dort rückten aus Belarus Truppen ein und bewegten sich Richtung Kiew. Die ukrainische Hauptstadt liegt nur 150 Kilometer entfernt.

Ein "textbuchmäßiges Vorgehen im Sinne der russischen Militärdoktrin", befand der Militäranalyst Franz-Stefan Gadys im "Deutschlandfunk" am Tag des Kriegsbeginns - mit landgestützten Langstreckenraketen, mit ballistischen Raketen, dem Einsatz von Luftlandetruppen und dem Einsatz mechanisierter Verbände.

Viele Beobachter hatten vor dem Krieg, als Putin seine Ziele noch verschleierte, damit gerechnet, dass die russischen Streitkräfte zunächst den Osten der Ukraine erobern würden, einschließlich der Stadt Mariupol am Asowschen Meer und der umliegenden Landstriche, um so eine sichere Landbrücke zu Krim herzustellen.

Schnellere Landgewinne erwartet

Der russischen Armee gelangen Schläge gegen fast alle Flughäfen des Landes, auch eroberte sie in den fünf Tagen seit Kriegsbeginn Teile des Südens und des Ostens des Landes. Der Raumgewinn fiel zunächst aber insgesamt geringer aus, als allgemein erwartet worden war.

So konnte die ukrainische Armee erste Angriffe auf die Hauptstadt Kiew abwehren; und aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes, vertrieb sie die Angreifer. Er sei regelrecht "erschrocken", sagte der frühere NATO-General Hans-Lothar Domröse am Montag in Hart aber fair, der russische Vormarsch scheine hängen zu bleiben. 

"Die russischen Truppen gewinnen"

Der Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität in München sieht die Lage der russischen Armee etwas anders. Es laufe "nicht gut" für die ukrainische Armee, sagte er am Montag im Brennpunkt. "Die russischen Truppen gewinnen - sie brauchen dafür nur viel länger, als sie es selber höchstwahrscheinlich erwartet haben."

Masala macht dafür mehrere Gründe verantwortlich - er spricht unter anderem von "logistischen Problemen", vor allem beim Nachschub mit Treibstoff. Auch gebe es Berichte über Mängel bei der Versorgung der angreifenden Truppen.

Gegenwehr unterschätzt

Die meisten westlichen Beobachter sind einhellig der Auffassung, dass Russland die Gegenwehr der Ukrainer unterschätzt hat. Aufrufe des russischen Präsidenten Wladimir Putin an die Bevölkerung und die Armee, die Regierung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu stürzen, verhallten wirkungslos. Stattdessen verteidigten die Ukrainer "sehr nachhaltig", sagte der frühere NATO-General Egon Ramms am Wochenende im ZDF.

Viele Ukrainer meldeten sich in den vergangenen Tagen freiwillig zum Kampf, die Armee gab in Kiew Waffen für den Widerstandskampf aus. In den Straßen der Hauptstadt machten sich Bürger daran, Brandsätze vorzubereiten.

Das aber ist ein Szenario, dass die russische Armee fürchten müsste. "Straßen- und Häuserkampf in Städten gegen zu allem entschlossene Verteidiger ist für mechanisierte Kräfte eine nahezu unlösbare Aufgabe", sagt der frühere Generalleutnant der Bundeswehr, Heinrich Brauß, gegenüber tagesschau.de.

Brauß wundert sich auch deshalb über den fortgesetzten Angriff der russischen Streitkräfte auf Charkiw, statt auf raumgreifende Operationen zu setzen. Dies könne aber eben auch an der Verteidigungsfähigkeit der ukrainischen Armee liegen. Im Süden dagegen kommt die russische Armee offensichtlich voran, um die Landverbindung zwischen dem Donbass und der Krim herzustellen.

"Afghanistan 2.0"?

Ähnlich sieht es Ex-General Domröse. "Städte sind wie Berge", sagte Domröse in Anspielung auf die Niederlage der sowjetischen Armee im Afghanistan-Krieg der 1980er-Jahre. Wer dort "ohne Überlegenheit" mit Einheiten einrücke, müsse damit rechnen, "aus den Kellern, und U-Bahn-Schächten und aus den Bunkern heraus abgeschossen" zu werden - aus Domröses Sicht möglicherweise ein "Afghanistan 2.0" für die russische Armee.

Politikwissenschaftler Masala sieht in den verstärkten Raketenangriffen seit Wochenbeginn einen Strategiewechsel der Angreifer. Nachdem die russische Armee bis Wochenbeginn "keine entscheidenden Gewinne erzielen" habe können und es zu "signifikanten Verlusten" gekommen sei, habe die Armeeführung an einigen Orten den Versuch aufgegeben, sich auf militärische Ziele zu konzentrieren - nun versuche die Armeeführung offenbar, mit einem sehr ungezielten Beschuss, "ohne Rücksicht auf Verluste" Städte einzunehmen.

Belarus schickt auch Truppen

Zugleich werden die angreifenden Einheiten verstärkt, nachdem bislang nur ein Teil der seit Monaten um die Ukraine herum stationierten Soldaten in den Kampf geschickt worden war. Auch Belarus wird nun mit eigenen Truppen an der Seite Russlands Teil des Krieges - für Masala "kein Gamechanger", sondern eine erwartbare Entwicklung, nachdem sich der belarusische Präsident Aleksandr Lukaschenko des eigenen Machterhalts willen Wladimir Putin unterworfen habe.

Der frühere Generalleutnant Brauß betont, dass der Krieg noch nicht einmal eine Woche alt sei - ein kohärenter Plan der russischen Armee mit einem klaren Ziel lasse sich von außen bisher noch nicht eindeutig erkennen, aber daher auch nicht unbedingt größere militärische Fehlkalkulationen.

Aus dem ringförmigen Aufmarsch der russischen Streitkräfte habe man ablesen können, dass sie an mehreren Stellen angreifen würden, um die ukrainischen Kräfte auseinanderzuziehen und an mehreren Fronten zu binden.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Putin, sagt Brauß, wolle die Ukraine erklärtermaßen "entmilitärisieren und entnazifizieren" - übersetzt heiße dies: "Ersetzen der gegenwärtigen, gewählten Regierung durch eine moskauhörige und Niederringen der gesamten ukrainischen Streitkräfte."

Der erste Schwerpunkt der Russen sei daher wohl der Angriff auf Kiew mit dem Ziel, die ukrainische Armee der Führung zu berauben und die Regierung abzusetzen. Augenscheinlich sei dies auch der Schwerpunkt des Verteidigers.

Kann das Land dauerhaft besetzt werden?

Allerdings: Wollte Putin die Ukraine entwaffnen, müsste er sie ganz erobern und besetzen - und riskierte damit einen langen und blutigen Guerillakrieg.

Rund 200.000 Soldaten hatte Russland rund um die Ukraine zusammengezogen. Doch selbst diese gewaltige Zahl dürfte kaum ausreichen, Europas zweitgrößten Flächenstaat dauerhaft zu besetzen und rund 41 Millionen Ukrainer zu kontrollieren, sagt auch Politikwissenschaftler Masala.

NATO-Experten wollen Motivationsprobleme bei russischen Soldaten festgestellt haben, angeblich auch, weil sie über das Ziel ihres Einsatzes nicht informiert worden seien. Zu überprüfen von außen ist das nicht, wie so vieles in diesem Krieg. Russland verstärkt seine Angriffe und bewegt große Truppeneinheiten in Richtung ukrainische Hauptstadt. Der Krieg gegen die Ukraine tritt, wie es scheint, in eine zweite Phase - für die Zivilbevölkerung sind das schlimme Nachrichten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. März 2022 um 17:00 Uhr.