Eine Straßenbahn in den engen Gassen von Lissabon
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Vor der Wahl in Portugal Soziale Unzufriedenheit trotz Wachstum

Stand: 02.03.2024 16:02 Uhr

Portugals Wirtschaft boomt. Trotzdem sind viele Menschen unzufrieden, weil sie von dem Wachstum kaum etwas spüren. Das dürfte sich auch auf die anstehenden Neuwahlen auswirken.

Als "PIGS"-Staaten wurden die südeuropäischen Länder während der Finanzkrise 2008 häufig bezeichnet. "PIGS", das steht für die Anfangsbuchstaben von: Portugal, Italien, Griechenland und Spanien.

Doch allen voran Portugal hat die Krise vorerst abgeschüttelt. Die Zeiten doppeldeutiger Krisenkürzel (auf Englisch bedeutet pigs auch Schweine oder Säue) ist vorbei.

Nach Korruptionsskandal: Portugal bereitet sich auf vorgezogene Neuwahl vor

Sebastian Kisters, ARD Madrid, Europamagazin, 03.03.2024 12:45 Uhr

"Nearshoring" sorgt für Aufschwung

Wer durch das Land reist, erlebt zunächst an vielen Orten Aufschwung. Im Norden boomt die Fahrradindustrie. Portugal hat sich zum größten Radhersteller Europas aufgeschwungen.

Das Land profitiert von den Löchern in den Lieferketten, die während der Corona-Krise unter anderem in Asien entstanden sind. Viele Firmen wollen lieber näher an den mitteleuropäischen Absatzmärkten produzieren. Fachleute sprechen von "Nearshoring". Auch die IT-Branche setzt verstärkt auf Portugal.

2023 brachte Tourismusrekord

Und dann ist da noch der Tourismus. 77 Millionen Übernachtungen gab es 2023 im Land - ein neuer Rekord. Beachtlich: Dieser Boom beschränkt sich nicht nur auf den Sommer. Ein Übernachtungsplus von 20 Prozent gab es auch im vergangenen Februar, ein Plus von 16 Prozent im Oktober.

Städtetrips nach Lissabon oder Porto sind schwer angesagt. Manche Hotels vergeben fürs Frühstück Essenszeiten, weil sie oft bis aufs letzte Zimmer ausgebucht sind.

Staatsverschuldung sinkt

Portugals Wirtschaft wuchs im dritten Quartal 2023 um rund zwei Prozent. Zum Vergleich: Der EU-Durchschnitt lag bei 0,1 Prozent. Die Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag zuletzt bei 107,5 Prozent, im Jahr 2022 waren es noch rund 135 Prozent. Tendenz: weiter fallend.

Eine Frau mit einem ARD-Mikrofon

"Die guten Wirtschaftsdaten sind für viele Portugiesen mittlerweile nur noch schöner Schein", sagt die Politologin Isabel David.

Niedriglohn belastet Menschen

So weit, so erfolgreich. Wäre da nicht ein anderer Wert, der für viele Menschen im Land zur Belastung wird: der Mindestlohn. In Portugal liegt er unter fünf Euro. Die Mieten, vor allem in den Ballungsräumen, sind zuletzt stark gestiegen.

Das gilt auch für andere Preise. In Restaurants im Zentrum von Lissabon zahlt man für ein Bier problemlos sieben Euro. An einem Abend in dieser Woche erzählt ein Mitarbeiter eines Cafés im Stadtzentrum: Er verdiene rund 700 Euro im Monat. Sein WG-Zimmer koste allein 500 Euro. Ein Bier für sieben Euro könne er sich niemals leisten.

Die guten Wirtschaftsdaten seien für viele Portugiesen mittlerweile nur noch schöner Schein, sagt die Politikwissenschaftlerin Isabel David. Die sozialdemokratische Alleinregierung habe die "Erzählung der Konservativen gekapert, für eine wachsende Wirtschaft zu sorgen".

Zwar sei der gesetzliche Mindestlohn zuletzt leicht erhöht worden. Aber das reiche nicht, um jungen Menschen eine Zukunft in Portugal zu geben. Dafür seien Mieten und Preise für Wohnungen und Häuser zu stark gestiegen.

Ein Mann mit einem ARD-Mikrofon

Der Arzt Vitor Almeida deutet den Rückgang der Geburten in dem Krankenhaus, in dem er arbeitet, als Zeichen für den zunehmenden Wegzug junger Leute.

Kaum noch Geburten

Zu dieser Diagnose kommt auch der Arzt Vitor Almeida, Sprecher der Ärzte-Gewerkschaft SIM in der Stadt Viseu, südöstlich von Porto im Landesinneren gelegen.

"Die Löhne sind dermaßen niedrig, die Arbeitsbedingungen dermaßen schlecht, dass einfach viel Personal geht", sagt er. Im Krankenhaus, in dem er arbeitet, würden nur noch wenige Kinder zur Welt kommen, weil junge Menschen Portugal verlassen hätten.

Rücktritt des Regierungschefs

Die Unzufriedenheit im Land ist groß, die Menschen spüren die Schattenseiten des Aufschwungs. Das gilt auch für ein Projekt, dessen Umstände nun zu vorgezogenen Neuwahlen geführt haben: Im Norden Portugals gibt es große Lithium-Vorkommen. Die sollen jetzt gehoben werden.

Allein: Es gibt Bestechungsvorwürfe gegen das Umfeld von Regierungschef António Costa. Umweltgutachten erscheinen fragwürdig. Zwar konnte Costa bislang nicht nachgewiesen werden, illegal Einfluss genommen zu haben, um den Lithium-Schatz zu heben. Dennoch trat er im vergangenen Herbst zurück.

Kommende Woche wird nun in Portugal gewählt. Dass es noch einmal zu einer linken Alleinregierung in Lissabon kommt, glaubt derzeit niemand.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin - am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete das "Europamagazin" in der ARD am 03. März 2024 um 12:45 Uhr.