Ein Paar geht durch die Kontrolllinien am Grenzübergang in Medyka (Polen). | REUTERS

Krieg in der Ukraine Polen richtet Zentren für Flüchtlinge ein

Stand: 24.02.2022 18:33 Uhr

Zwei Millionen Ukrainer leben in Polen - wie viele nun auf der Flucht vor dem russischen Einmarsch hinzukommen werden, weiß niemand. In den Grenzgebieten richtet Polen Aufnahmezentren ein.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Nicht nur im Südosten Polens, nahe der Grenze zur Ukraine, sondern im ganzen Land leben zahlreiche Ukrainer mehr oder weniger dauerhaft. Die meisten wegen der Arbeit: Polen fehlen nach jahrelangem Boom Arbeitskräfte und temporäre Visa für Ukrainerinnen und Ukrainer wurden großzügig verteilt.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Seitdem Russland in aller Frühe das Nachbarland überfallen hat, ist die Angst um die Landsleute groß, erzählt eine Frau am Rande eines Gottesdienstes in Przemysl, im äußersten Südosten Polens: "Wenn es nur um die Ukraine gehen würde, wäre es schon 2014 passiert. Ich denke, es gibt viel größere Pläne. Selbstverständlich beten wir im tief christlichen Sinne für die Vergebung unserer und unserer Feinde Sünden, in Hoffnung auf Frieden in der ganzen Welt."

Eine andere fragt sich: "Was will dieser Putin von der Ukraine? Er hat ein großes, gewaltiges Land, er sollte an die Wirtschaft denken, damit die Menschen ein besseres Leben haben. Aber nein, er hat es auf die Ukraine abgesehen. Er ist einfach ein kranker Mensch."

Polen erwartet viele Flüchtlinge

Polen bereitet sich bereits seit Tagen auf mögliche Flüchtlingsströme vor. Nun, mit Beginn der russischen Angriffe, richtet das Land neun Aufnahmezentren in den beiden südöstlichen Wojewodschaften ein.

Pawel Szefernaker vom Innenministerium erklärt, womit die polnische Regierung rechnet: "Ich denke, die große Mehrheit jener Ukrainer, die jetzt einen sicheren Ort in Polen suchen, werden zunächst die Ukrainer kontaktieren, die schon hier sind. Das sind circa zwei Millionen Menschen. Für die, die nicht zu ihren Nächsten gehen können, stehen die Zentren bereit."

Am Morgen hieß es, der Verkehr an der Grenze zur Ukraine sei bislang gemäßigt. Der Grenzschutz sei aber auf alles vorbereitet und die Grenze stehe für Kriegsflüchtlinge offen. "Wir sind bereit, unseren Nachbarn zu helfen, einen sicheren Ort in Polen zu finden. Bei Bedarf aktivieren wir den nächsten Schritt unseres Krisenplans, inklusive medizinischer Versorgung und Aufnahme von Verletzten", sagt Szefernaker.

Feldbetten stehen in einer Aufnahmestelle für Flüchtlinge aus der Ukraine in Dorohusk (Polen). | EPA

Innenansicht einer Aufnahmestelle für Flüchtlinge aus der Ukraine im polnischen Dorohusk. Bild: EPA

Solidarität aus der Bevölkerung

Umfragen zufolge ist die polnische Bevölkerung aufgeschlossen, was die Aufnahme Schutzsuchender aus der Ukraine anbelangt, mit der Polen über eine bisweilen schmerzliche und blutige Geschichte verbunden ist. Die westlichen Gebiete der Ukraine gehörten früher zu Polen.

Passantinnen und Passanten in der östlichen Stadt Lublin sind entsetzt und wollen helfen: "Was sollen wir tun? Natürlich unterstützen. Ich schätze die Ukrainer, kenne viele. Ich habe es eben im Radio gehört, ein Schock. Ich bin total geschockt. Ich gehe zur Arbeit, aber bin völlig durcheinander", sagt eine Frau.

Ein Passant fürchtet, die russische Armee könnte bald auch in die Nähe der polnischen Grenze vorrücken: "Das ist unser Nachbar, wir sollten helfen. Bald können die Truppen in Lemberg stehen." Und auch eine andere Passantin will den Flüchtlingen helfen: "Man soll helfen und sie hierher lassen, auch mit Lebensmitteln und Kleidung für Zivilisten, denn sie sind ja nicht schuld daran."

Droht auch Polen Gefahr?

Zugleich liefere Polen schon seit Tagen humanitäre Güter sowie "Militärausrüstung" in das Nachbarland, die der Grenzsicherung dienen solle, sagt ein Warschauer Regierungssprecher.

Angesichts von Kreml-Drohgebärden gegenüber all jenen, die der Ukraine helfen würden, stellt sich manchen Polen unterschwellig auch die Frage, wie es um das eigene Land steht. Polen sei sicher, erklärt der amerikanische Botschafter - die USA stünden eng an Seiten des NATO-Verbündeten.

Bereits am Morgen des russischen Einmarsch in die Ukraine hatte sich die politische Spitze Polens zum Krisenrat zusammengefunden. Staatspräsident Andrzej Duda sagte hinterher, er habe bereits frühmorgens mit seinem ukrainischen Amtskollegen Selenskyj gesprochen, man stehe in engem Kontakt. "Wir sind bei der Ukraine als ihr Nachbar, als NATO, als Europäische Union. Und wir hoffen, dass die russische Führung begreift, dass sich das für Russland nicht lohnt, weder für seine Führung, noch für den Staat, und vor allem nicht für seine Bürger", sagte Duda. Die Bürger Russlands rief er auf, dem Kreml nicht in diesen Krieg zu folgen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. Februar 2022 um 18:00 Uhr.