Posten an der Grenze zwischen Polen und Belarus | AP

Polnisch-belarusische Grenze Rückführungen von Kindern bewegen Polen

Stand: 05.10.2021 18:28 Uhr

Belarus schickt weiter Flüchtlinge über die EU-Grenze nach Polen. Und Polen schickt offenbar viele zurück - auch Kinder. Das hat eine Protestwelle ausgelöst.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Der Nike-Preis ist die höchste Literaturauszeichnung Polens. Doch auf der Gala am Wochenende prangte das geschriebene Wort zunächst auf Pappschildern, hochgehalten von zahlreichen Vertretern aus der Welt der Literatur: "Wo sind die Kinder?", hieß es darauf. 

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Die Moderatorin ging darauf ein: "Wir möchten, dass es ein sorgloser und fröhlicher Abend wird, aber ihr Protest und die Fragen auf den Schildern ist etwas, dem wir uns nicht versperren können", sagte sie. Und weiter: "Die Fragen bleiben unbeantwortet, aber wir müssen Antworten finden."

Aufnahmen lösen Proteste aus


Wo sind die Kinder? Diese Frage ertönt in ganz Polen, seit es Journalisten trotz Ausnahmezustands gelang, Bilder von Migrantenfamilien in einer Einrichtung des polnischen Grenzschutzes zu machen. Auch zu sehen hinter einem Zaun und einem Spalier von Grenzsoldaten: zahlreiche Kinder.

Kinder, die dann wie die Erwachsenen - und wie es inzwischen zur Routine gehört - durch die Behörden "zurückgeleitet" wurden Richtung Belarus. Grenzschutzsprecherin Anna Michalska sagte dazu: "Sie wurden gemäß Verordnung des Innenministeriums an die Grenzlinie geleitet, also an den Ort, wo sie die Grenze überschritten haben."

Um Asyl hätten sie in Polen nicht gebeten, sondern nur weiter nach Deutschland gewollt, heißt es offiziell weiter. Das deckt sich nicht mit einem Bericht des Portals "Onet", wonach die Menschen gesagt hätten, man habe in Polen bleiben wollen.

Regierung unter moralischem Druck

Doch unabhängig von der Frage, ob die Ankömmlinge nun formal korrekt ihr Schutzbegehren angemeldet hatten und ausreichend über ihre Rechte informiert wurden, unabhängig auch davon, ob die täglichen Rückweisungen in Wahrheit illegale "Pushbacks" sind, setzen die Bilder von Kindern, die dann wieder verschwinden, die polnische Regierung moralisch doch unter Druck. Und das, obwohl das harte Vorgehen an der Grenze ihr eigentlich auch Zustimmung bringt und brachte.

Der Journalist Marcin Celinski sagte dieser Tage im unabhängigen Radiosender "Nowy Swiat": Die Umfragen zeigen zwar, dass sich die Einstellung gegenüber den Flüchtlingen ungefähr halb-halb darstellt, aber ich möchte doch auf eine Tendenz hinweisen. Noch vor kurzem sagten 60 Prozent, 'nicht helfen, auf keinen Fall reinlassen'. Aber anders als 2015, als sie die Menschen mit virtuellen Flüchtlingen einschüchterten, sehen wir jetzt Kinder, die in einen Wald gefahren werden. Auch der härteste Mensch wird angesichts solcher Bilder weicher, das ist kein mediales Spiel mehr, diese Kinder sind real."

Und weiter: "Wir konnten sie eine Weile sehen, und mehrere Tage waren sie verschwunden, und die wiederholten Fragen, wo sie sind, blieben unbeantwortet."

Michalowo packt mit an


Doch erreicht die Woge des Mitgefühls, über Literatenzirkel hinaus, wirklich die breite Bevölkerung? Aus Michalowo, dem Ort, in dem die Aufnahmen mit den Kindern entstanden, berichtet sogar das regierungsnahe Fernsehen über eine Welle der Hilfsbereitschaft: In einer Feuerwache wurde eine Notaufnahme eingerichtet. Anwohner wollen offenbar zahlreich spenden. Da die Menschen die Grenze überqueren, seien Schuhe und Kleidung sowie Decken besonders wichtig, informiert die Gemeinde.

Journalisten, die Kontakt hielten, vermeldeten indes nun doch eine Teilantwort auf die Frage, wo die Kinder von Michalowo geblieben sind. Zwei von ihnen seien erneut geschleust worden, und nun an einem sicheren Ort, berichten sie. Angeblich befindet sich dieser "Ort" in Deutschland.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. September 2021 um 18:30 Uhr.