Polnische Grenzsoldaten stehen an der Grenze zu Belarus, im Niemandsland dahinter sitzen mehrere Menschen fest. | REUTERS
Reportage

Polnisch-belarusische Grenze "Sie warten, bis hier jemand stirbt"

Stand: 24.09.2021 17:00 Uhr

Im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus sitzen noch immer Menschen fest. Während sie Angst haben, vor Hunger und Kälte zu sterben, erhöhen die Staaten auf beiden Seiten der Grenze den Druck.

Von Olaf Bock, ARD-Studio Warschau, und Bamdad Esmaili, WDR

Die seit 50 Tagen an der Grenze zwischen Belarus und Polen festsitzende Gruppe gerät zunehmend in Verzweiflung: Die polnische Seite lässt die 32 Menschen aus Afghanistan nicht rein, die belarusische nicht zurück. Am Telefon berichtet ein Mann namens Masoud, dass er und die anderen mittlerweile von einem Stacheldrahtzaun umringt seien und sich nicht mehr bewegen könnten.

Olaf Bock ARD-Studio Warschau

Bei den Temperaturen im einstelligen Bereich seien sie seit Tagen im Dauerregen der Kälte ausgesetzt. Die Zelte seien nass, alle seien krank. Zudem bekämen sie kaum etwas zu essen, berichtet Masoud mit zittriger Stimme. Das letzte Mal habe ihnen das Rote Kreuz vor etwa acht Tagen etwas zu essen gegeben.

Die belarussischen Soldaten gäben ihnen täglich etwas von ihrem Essen ab, das sie mit den 32 Personen teilen müssen. "Keiner sagt uns wie es weitergeht. Ich glaube, sie warten, bis hier jemand stirbt. Dann geht es weiter", befürchtet er. "Wenn sich hier nichts tut, dann werden in den nächsten drei Tagen Menschen vor Hunger und Kälte sterben." Vergangenen Sonntag waren bereits vier Menschen an der Grenze tot aufgefunden worden - vermutlich sind sie an den Folgen von Unterkühlung gestorben. Am Freitag wurde ein weiterer Todesfall gemeldet.

Helfer gehen in den Wald

Mehrere polnische Hilfsorganisationen haben sich zu einer "Border Group" zusammengeschlossen, um in Grenznähe in die Wälder zu gehen: Sie versuchen, dorthin Lebensmittel zu bringen und bieten den Menschen medizinische Hilfe an, erzählt die Helferin Marysia Zlonkiewicz. Außerdem "nehmen wir ihre Geschichten auf, fragen, ob sie Gewalt erleben mussten".

Viele säßen dort ohne Schutz vor Regen und Kälte im Freien - ohne Zelte, ohne Nahrung und ohne zu wissen, wie es weitergeht. Etwa fünfzig Menschen konnte "Border Group" schon helfen. Anfangs riefen sie dann auch den Grenzschutz und Rettungssanitäter dazu.

Allerdings erlebten sie auch, dass viele Hilfesuchende kurz darauf wieder an die belarusische Grenze zurückgebracht wurden, berichtet Zlonkiewicz. "Ich hätte niemals gedacht, dass sowas vor unserer Haustür passiert, sowas Schreckliches".

Flüchtlingshelfer von der "Border Group" | Olaf Bock

Flüchtlingshelfer von der "Border Group" haben bislang 50 Menschen Hilfe leisten können. Bild: Olaf Bock

Immer wieder nach Belarus abgeschoben

Vielfach würden die Menschen nach ihrer Ankunft in Polen um Asyl bitten, und trotzdem würden sie nach kurzer Zeit wieder zurückgebracht und auf die belarusische Seite geschoben, beklagen polnische Flüchtlingshilfe-Organisationen. Durch den Ausnahmezustand können die Menschenrechtler selbst nicht in das Grenzgebiet, um solche sogenannten Pushbacks zu beobachten und zu dokumentieren.

In Telefonaten mit mehreren Menschen aus Afghanistan und dem Iran berichten die Geflüchteten von ihren Erlebnissen an der Grenze. Der Iraner Ali, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will, erzählt, dass er schon fünf Mal in Polen war - und jedes Mal von polnischen Grenzsoldaten nach Belarus abgeschoben wurde, obwohl er um Asyl gebeten habe. Nun hält er sich nach eigener Angabe in Minsk auf.

Mündliches Schnellverfahren für Asylgesuche

Gemäß EU-Gesetzen haben die Menschen ein Recht darauf, dass ihr Asylgesuch überprüft wird, bevor sie abgeschoben werden. Doch Polen scheint diese Prüfung nur oberflächlich durchzuführen: In Bialystok berichtet eine Grenzbeamtin nahe einem geschlossenen Flüchtlingslager im Interview, dass die meisten Anträge mündlich im Schnellverfahren überprüft werden - und die meisten Asylsuchenden von ihnen dann wieder zurückgebracht werden. Von illegalen Pushbacks wollte sie in diesem Zusammenhang nicht sprechen.

Menschen mit gesundheitlichen Problemen werde, unabhängig von ihren Gründen, nach Polen zu kommen, natürlich medizinisch geholfen, versichert sie - und schildert, sie beobachte, dass in jüngerer Zeit verstärkt Familien, Frauen mit Kindern und Kranke über die Grenze kämen. Sie vermutet, dass dies ein Strategiewechsel auf belarusischer Seite sein könnte, weil Polen diese Menschen eher nicht zurückschickt.

Polen setzt auf Abschreckungsstrategie

Während die Zahlen an der Grenze steigen, wirft Polen der belarusischen Seite wiederholt vor, die Menschen bewusst an die Grenze zu bringen. Das sei alles Teil einer "hybriden Kriegsführung" des belarusischen Machthabers Alexander Lukaschenko: Der plane, einen weiteren Flughafen nahe der polnischen Grenze zu eröffnen, um mehr Menschen ins Grenzgebiet zu bringen.

Derweil bauen polnischen Grenzschützer weiter am bereits 80 Kilometer langen Zaun, 500 zusätzliche Kräfte sollen an die Grenze zu Belarus verlegt werden. Gerade wird über eine Verlängerung des Ausnahmezustands im Grenzgebiet gesprochen, der zunächst nur für 30 Tage verhängt worden war. Zur Zeit laufen auch Gespräche mit der Europäischen Union über das weitere Vorgehen. Die EU-Innenkommissarin Ylva Johannsson kündigte an, die Situation zu untersuchen, um weitere Tote zu verhindern.    

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 23. September 2021 um 21:45 Uhr.