Migranten, die an der Grenze zu Belarus festsitzen, werden von polnischen Beamten umstellt. (Archivbild: 01.09.2021) | dpa

Streit zwischen Polen und Belarus Mehrere Flüchtlinge sterben in Grenzregion

Stand: 20.09.2021 16:01 Uhr

Die Regierung in Warschau hat den Tod von drei Flüchtlingen nahe der belarusischen Grenze bestätigt. Wie viele Menschen insgesamt in den dünn besiedelten Sumpfgebieten bereits gestorben sind, ist unklar.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Es ist nachts bereits recht kühl im Osten Polens, und so kann es kaum verwundern, dass teilweise seit Wochen im Grenzgebiet festsitzende Migranten nun ernsthaft krank werden oder sogar sterben. Zumal der polnische Grenzschutz, bevor das ganze Gebiet zum Sperr- und Notstandsgebiet erklärt wurde, wiederholt Ärzte oder auch das UN-Flüchtlingshilfswerk nicht zu Migranten-Camps ließ - mit der Begründung, diese befänden sich bereits auf der belarusischen Seite der Grenze.

Jan Pallokat ARD-Studio Warschau

Von Belarus aus wurde in mindestens einem Fall das Rote Kreuz vorgelassen und diese vermeintliche Hilfsbereitschaft propagandistisch ausgeschlachtet. Auch die tote Frau, die nun auf belarusischem Gebiet gefunden wurde, sei von Polen illegal zurück nach Belarus gezwungen worden, behauptet Minsk.

Menschen starben durch Entkräftung und Unterkühlung

Nach Medienberichten über teils weit auf polnischem Gebiet aufgefundene tote Migranten hat nun auch die Warschauer Regierung eingeräumt, dass es Tote gegeben habe - auf polnischem Gebiet demnach an drei unterschiedlichen Orten entlang der 418 Kilometer langen gemeinsamen Grenze.

"Letztes Wochenende haben wir einen tragischen Fund gemacht, denn drei Personen sind durch Entkräftung und Unterkühlung gestorben", sagte Polens Premier Mateusz Morawiecki. "Wir versuchen, das Leben aller Personen zu retten, die die Grenze illegal überschritten haben und sich in den Wäldern und Sümpfen befinden, wenn es möglich ist. Gerade haben wir acht Menschen aus den Sümpfen geholt."

Das Ganze sei eine organisierte Aktion des belarusischen Machthabers Alexander Lukaschenko, so Morawiecki. Er sprach von einer "Aktion, die in Minsk und Moskau gesteuert wird". Und weiter: "Wir kennen nicht die Identität der Menschen, die jetzt auf polnischem Gebiet gestorben sind."

Polen wirft Belarus versuchte Destabilisierung der EU vor

Einer der Toten soll ein Iraker sein, der in Begleitung zweier noch lebender Landsleute aufgefunden worden war. Diese würden nun behandelt und würden den polnischen Behörden gegenüber über ihre Migrationsroute aussagtn, erläuterte Innenminister Mariusz Kaminski. Demnach hätten ihnen belarusische Uniformierte Tabletten ausgehändigt für den Fall, dass ihnen kalt würde. Nun soll bei der Obduktion auch überprüft werden, welche Stoffe hier im Spiel gewesen sein könnten.

"Diese Menschen sind Mitte September nach Minsk gekommen. Nach einigen Tagen Unterkunft in einem Hotel für 2500 Dollar pro Person sollten sie über die polnische Grenze nach Deutschland verlegt werden", so Kaminski.

Die Warschauer Regierung wirft dem Minsker Regime vor, durch das gezielte Durchschleusen von Migranten aus Rache für die jüngsten Sanktionen seine Nachbarländer und damit die EU mit Hilfe des schwierigen Migrationsthemas destabilisieren zu wollen. Sie spricht von Zehntausenden Flüchtlingen, die dazu bereits im Land seien. Auch werde der grenznahe Flughafen in Grodno ausgebaut, um Migranten noch schneller an die Grenze bringen zu können.

Keine Kritik an Polen von EU oder Merkel

Die Ausrufung des Notstands hatte zunächst die zwischenzeitlich breite Berichterstattung rund um ein Camp von Flüchtlingen direkt an der Grenzlinie abrupt beendet - der Kontakt dieser Gruppe zur Außenwelt ist seither gekappt. Nun aber holen die Toten im Sumpfgebiet das Thema zurück in die Schlagzeilen.

"Unglaublich ist die Anonymisierung der Opfer: Irgendeine Frau, irgendwelche Toten. Ich fürchte, es geht darum, dass wir keine Menschen sehen, sondern nur Ziffern und trockene Infos", sagte Zuzanna Dabrowska von der konservativen Rzeczpospolita.

Polens Regierung weiß sich aber zumindest in dieser Frage Brüsseler und wohl auch Berliner Rückendeckung ziemlich sicher. Auch Bundeskanzlerin Merkel erwähnte bei ihrem jüngsten Warschau-Besuch beim Resümee vor der Presse die humanitäre Frage nur mit einem Halbsatz, betonte aber die Bedeutung des Grenzschutzes und verwies auf die Verantwortung von Belarus in der aktuellen Krise.

Derweil ist es kaum möglich, sich unabhängig über das Los jener Migranten zu informieren, die sich am dünn besiedelten, von Sümpfen und riesigen Wäldern geprägten Ostrand der EU verirrt haben. Auch der ARD gegenüber wollten Hilfsorganisationen momentan keine Telefonnummern vermitteln. Begründung: Viele der Betroffenen würden von polnischen Grenzern aufgegriffen, in Posten gesperrt und regelmäßig nachts im Schutze der Dunkelheit zurück über die Grenze nach Belarus eskortiert. Anrufe bei Medien brächten die Menschen nur zusätzlich in Gefahr.