Vor der Botschaft der Russischen Föderation in Kiew findet eine Protestaktion statt. | imago images/Ukrinform

Ostukraine Katastrophale Corona-Lage in Donezk

Stand: 26.10.2021 11:04 Uhr

Die Corona-Fälle in der ostukrainischen Stadt Donezk übersteigen die Kapazitäten der Krankenhäuser. Es soll schockierende Zustände in einer Klinik geben. Auch an Ärzten mangelt es.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Die Videoaufnahmen sollen von einem Anwohner des Zentralen Stadtkrankenhauses Nr. 3 stammen - aufgenommen in der von prorussischen Separatisten besetzten Stadt Donezk: Leichen liegen in Säcken auf den Fluren auf dem Boden - es sind etwa ein Dutzend.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Bereits vor zwei Wochen hatte das Gesundheitsministerium der selbsternannten Volksrepublik Donezk die Lage als "äußerst angespannt" bezeichnet. Die Zahl der Corona-Fälle, aber auch der Lungenentzündungen würde die Kapazitäten der Kliniken "trotz aller Bemühungen" übersteigen.

"Natürlich sind viele Ärzte ausgereist"

Serhij Harmasch ist der ukrainische Vertreter der Region in der trilateralen Kontaktgruppe im Minsker Friedensprozess. Er gibt Russland eine Mitschuld an den Zuständen vor Ort. Gegenüber dem ukrainischen Fernsehen erklärt er:

Das dortige medizinische System wurde zerstört, weil russische Pässe an Staatsangestellte ausgegeben wurden - also auch an Ärzte. Und dann wurden ihnen großzügige Arbeitsangebote in weit entfernten Regionen in Russland gemacht, wo die Gehälter zehnmal höher sind als in den besetzten Gebieten. Natürlich sind viele Ärzte ausgereist.

Russische Pässe vereinfacht beantragen

Seit Mai 2019 können Ukrainer aus den besetzten Gebieten in einem vereinfachten Verfahren russische Pässe beantragen. Mehrere Hunderttausend sollen dieses Angebot nach Angaben russischer Behörden bereits angenommen haben. Auch weil sie in der vom Krieg geschwächten Region kaum Zukunftsperspektiven für sich sehen.

Vom Ärztemangel in Donezk berichtet auch Olga am Telefon im Gespräch mit dem ARD-Studio Moskau. Ihre Großmutter war dort in einem Krankenhaus behandelt worden: "Uns wurde gesagt, dass auf einer Etage 44 Patienten liegen, alle schon etwas älter. Für 44 Personen gab es eine Pflegerin, einen Bereitschaftsarzt und einen Chefarzt, der alle behandelt."

Beschwerliche Reisen

Zu der sich zuspitzenden Lage vor Ort kommt noch hinzu, dass die ohnehin schon beschwerlichen Reisen auf die jeweils andere Seite in der Konfliktregion komplizierter werden. Mittlerweile würden einige sogar den Umweg über Russland wählen. Doch auch das sei nicht so leicht, erzählt Olga.

Früher sei man nur 100 Kilometer gefahren, jetzt seien es mehr als 1000. "Das dauert den ganzen Tag oder noch länger. Und natürlich kostet so eine Fahrt viel mehr, besonders für diejenigen, die kein eigenes Auto haben und mit Kleinbussen fahren müssen. Diese Fahrer verlangen viel Geld für so eine Fahrt, aber die Menschen haben oft keine andere Möglichkeit", sagt Olga.

An den Checkpoints entlang der Konfrontationslinie, wie zum Beispiel in Stanyza Luhanska, sei der Personenverkehr zuletzt um mehr als 70 Prozent zurückgegangen, berichten ukrainische Medien.

Ein Grund dafür seien auch die verschärften Anti-Corona-Maßnahmen in den besetzten Gebieten, erklärt die Sprecherin des Grenzkommandos Luhansk, Tetjana Litoschko: "Es ist bekannt geworden, dass dort zusätzliche Quarantäneregeln eingeführt wurden, die das Überschreiten der Kontaktlinie einschränken."

Nichtanerkennung von Impfstoffen

Dabei spielt auch die gegenseitige Nicht-Anerkennung von Impfstoffen eine Rolle: In den selbsternannten Volksrepubliken können sich die Menschen mit dem russischen Sputnik V impfen lassen - sofern er verfügbar ist. In der Ukraine aber sind russische Impfstoffe, wie auch in Europa, nicht zugelassen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 26. Oktober 2021 um 08:08 Uhr.