Der Vorsitzende der sozialdemokratische Arbeiterpartei in Norwegen, Jonas Gahr Støre. | AFP

Wahl in Norwegen Sozialdemokraten offenbar stärkste Kraft

Stand: 13.09.2021 21:59 Uhr

Hochrechnungen zufolge hat die sozialdemokratische Arbeiterpartei die Parlamentswahl in Norwegen gewonnen. Doch es bleibt spannend: Bei der Regierungsbildung hängt viel vom Abschneiden der kleineren Parteien ab.

Die sozialdemokratische Arbeiterpartei hat die Parlamentswahl in Norwegen gewonnen und steht vor der Übernahme der Regierungsmacht in dem skandinavischen Land. Nach der vorläufigen Auszählung von knapp 80 Prozent der abgegebenen Stimmen kommen die Sozialdemokraten um ihren Vorsitzenden Jonas Gahr Støre auf 26,2 Prozent. Die konservative Partei Høyre der seit acht Jahren regierenden Ministerpräsidentin Erna Solberg liegt bei lediglich 20,5 Prozent. Støre dürfte somit aller Voraussicht nach nächster Regierungschef werden.

Bestätigen sich die Hochrechnungen, verzeichnen die beiden größten Parteien jeweils Verluste im Vergleich zur letzten Parlamentswahl vor vier Jahren - jedoch deutlich höhere aufseiten von Høyre: Die Arbeiterpartei hatte 2017 27,4 Prozent erhalten, Høyre 25,0 Prozent.

Die Zentrumspartei des dritten Kandidaten für das Amt des Regierungschefs, Trygve Slagsvold Vedum, konnte dagegen deutlich zulegen: Sie steht derzeit bei 13,9 Prozent, womit sie auf Platz drei und zwei Prozentpunkte vor der rechtspopulistischen Fortschrittspartei liegt. Die Sozialistische Linkspartei profiliert sich dank Zugewinnen als fünftstärkste Kraft, während vier kleinere Parteien unmittelbar über oder unter der Vier-Prozent-Hürde liegen.

Knappe Mehrheit für Mitte-links-Bündnis

Die Umfragen vor der Wahl hatten seit längerem auf einen Regierungswechsel in dem skandinavischen Nicht-EU-Land hingedeutet. Um eine Mehrheit im 169 Sitze großen norwegischen Parlament Storting bilden zu können, wird der künftige Regierungschef allerdings auf mehrere Koalitionspartner angewiesen sein.

Den bisherigen Zahlen zufolge könnte es für eine knappe Mehrheit eines als am wahrscheinlichsten geltenden Mitte-links-Bündnisses reichen, das aus den Sozialdemokraten sowie der Zentrumspartei und der Sozialistischen Linkspartei besteht. Dieses von Støre bevorzugte Dreigestirn liegt derzeit bei 87 bis 88 Mandaten - 85 sind für eine Mehrheit nötig. Auswirkungen auf die Mehrheitsverhältnisse hat, wie viele der kleineren Parteien den Sprung über die Vier-Prozent-Hürde schaffen. Zählt man die Grünen und die Rote Partei hinzu, kommt der Mitte-links-Block allerdings insgesamt auf deutlich mehr Sitze als das bürgerlich-konservative Lager um Solbergs Høyre.

Auch Minderheitsregierungen sind in Skandinavien keine Seltenheit: In Dänemark und Schweden zum Beispiel regieren so etwa Støres sozialdemokratische Parteikollegen Mette Frederiksen und Stefan Löfven. Solberg führt Norwegen seit Anfang 2020 ebenfalls mit einer Minderheitsregierung, nachdem die Rechtspopulisten aus der Koalition ausgetreten waren.

Öl-Branche war beherrschendes Wahlkampfthema

Knapp 3,9 Millionen Norwegerinnen und Norweger waren bei der Wahl zur Stimmabgabe aufgerufen gewesen. Knapp 1,65 Millionen Wählerinnen und Wähler hatten bereits vorzeitig abgestimmt - das entsprach mehr als 42 Prozent aller Wahlberechtigten. Auf diesen Stimmen und einem mathematischen Modell basierten auch die ersten Hochrechnungen. Mit einem vorläufigen Wahlergebnis wird am Dienstag gerechnet.

Beherrschendes Thema des Wahlkampfs war seit der Veröffentlichung eines alarmierenden Berichts des Weltklimarats IPCC der Klimaschutz und Norwegens Öl-Branche. In dem IPCC-Bericht hatten Experten gewarnt, die Erde erwärme sich noch schneller als bislang angenommen.

Der Wahlausgang könnte entscheidenden Einfluss auf die Ölwirtschaft haben, die für den enormen Reichtum des Landes verantwortlich ist. Norwegen ist der größte Ölproduzent Westeuropas. Auf den Ölsektor entfallen 14 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 40 Prozent der Exporte und 160.000 Arbeitsplätze. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. September 2021 um 22:00 Uhr.