Josep Borrell | AP

Beschädigte Nord-Stream-Pipelines EU kündigt "robuste Reaktion" an

Stand: 28.09.2022 13:25 Uhr

Der Grund für die Lecks an den Pipelines Nord Stream 1 und 2 ist nach wie vor unklar, doch immer mehr Länder vermuten Sabotage. Auch die Europäische Union sieht eine "vorsätzliche Handlung" als Ursache und droht mit Gegenmaßnahmen.

Die Europäische Union hält Sabotage als Ursache für die Lecks an den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und 2 für wahrscheinlich und hat mit Gegenmaßnahmen gedroht. "Alle verfügbaren Informationen deuten darauf hin, dass diese Lecks das Ergebnis einer vorsätzlichen Handlung sind", erklärte der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell im Namen der 27 Mitgliedstaaten.

Jede vorsätzliche Störung der europäischen Energieinfrastruktur sei völlig inakzeptabel werde "mit einer robusten und gemeinsamen Reaktion beantwortet werden". Insgesamt drei Lecks waren sowohl in einer der Röhren von Nord Stream 2 wie auch in beiden Röhren der Nord-Stream-1-Pipeline entdeckt worden.

Karte von Bornholm mit den Pipelines Nord Stream 1 und 2

An drei Stellen wurden die Pipelines beschädigt.

Messstationen hatten seismische Aktivität registriert, bevor die Lecks an den beiden Pipelines in der Nähe der dänischen Insel Bornholm entdeckt wurden. Seismologen zufolge hängt diese zweifelsfrei mit Explosionen zusammen. Westliche Sicherheitsexperten gehen von Sabotage aus.

Deutsche Marine beteiligt sich an Aufklärung

Die Deutsche Marine will sich an der Suche nach den Ursachen der Schäden an den Nord-Stream-Gaspipelines beteiligen. Sie stehe dazu im Kontakt mit ihrem dänischen Amtskollegen. "Unsere Marine wird sich mit ihrer Expertise bei der Aufklärung einbringen", erklärte Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht. "Die Umstände dieses beunruhigenden Ereignisses müssen nun schnell geklärt und die Verantwortlichen identifiziert werden", verlangte Lambrecht weiter.

Von der Leyen droht mit Konsequenzen

Borrell nannte in der Erklärung keinen Verdacht, wer hinter einem möglichen Sabotageakt stecken könnte. Der Spanier sagte jedoch, dass man über die Schäden an den Pipelines sehr besorgt sei. "Diese Vorfälle sind kein Zufall und gehen uns alle an." Man werde jede Untersuchung unterstützen, die darauf abziele, Klarheit über die Vorgänge zu erlangen. Zudem werde man Schritte unternehmen, um die Energiesicherheit robuster zu machen.

Zuvor hatte bereits EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf Twitter geschrieben, dass sie Sabotage für möglich halte. Auch EU-Ratschef Charles Michel sprach von einem Sabotageakt.

Von der Leyen schrieb, ähnlich wie Borrell, jetzt sei es von "größter Wichtigkeit", die Vorfälle zu untersuchen und vollständige Klarheit über die Ereignisse und die Gründe zu erhalten. Zudem drohte sie den möglichen Tätern mit "härtesten Konsequenzen". Jede vorsätzliche Störung der aktiven europäischen Energieinfrastruktur sei "inakzeptabel".

Staatlicher Akteur hinter möglicher Sabotage?

Auch in Polen, Schweden, Dänemark und Russland war ein Anschlag auf die europäische Gasinfrastruktur als Ursache für die als beispiellos geltenden Schäden an beiden Pipelines als für denkbar gehalten worden.

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg schrieb auf Twitter ebenfalls von Sabotage als Ursache der Schäden. Bei einem Gespräch mit dem dänischen Verteidigungsminister Morten Bodskov sei es zudem um den Schutz der kritischen Infrastruktur der NATO-Staaten gegangen.

Auch aus Sicht deutscher Sicherheitskreise sprach vieles für Sabotage. Sollte es sich um einen Anschlag handeln, würde angesichts des Aufwands nur ein staatlicher Akteur infrage kommen, hieß es. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sprach von einem gezielten Angriff. Man wisse inzwischen sicher, "dass sie nicht durch natürliche Vorkommnisse oder Ereignisse oder Materialermüdung entstanden sind, sondern dass es wirklich Attacken auf die Infrastruktur gegeben hat", so der Grünen-Politiker.

Kreml: "Wir verstehen nicht, was passiert ist"

Während sich Kreml-Sprecher Dmitri Peskow gestern in einer Stellungnahme noch "extrem besorgt" gezeigt und einen Sabotageakt nicht ausgeschlossen hatte, vermeldete der Kreml heute, man verstehe noch nicht, was mit den Pipelines passiert sei. Ein Stopp der Gaslieferungen durch die Nord-Stream-Leitungen sei aber auch nicht im Interesse Europas.

CIA soll vorab gewarnt haben

Einem Medienbericht zufolge hatten die Vereinigten Staaten bereits vor Wochen vor möglichen Anschlägen auf Gaspipelines in der Ostsee gewarnt. Wie der "Spiegel" berichtet, ging ein entsprechender Hinweis des US-Geheimdienstes CIA im Sommer in Berlin ein. Ein Regierungssprecher teilte dem Magazin mit, man nehme zu "Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten der Nachrichtendienste betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung."

Austretendes Gas verzögert Inspektion

Derweil tritt nach Angaben der schwedischen Küstenwache unverändert Gas aus den Lecks. Das Gas könne weder eingefangen "noch bekämpft" werden, so ein Sprecher. Zur Menge des austretenden Gases könne man keine Angaben machen, man behalte die Lecks aber im Auge.

Nach Angaben der dänischen Regierung könne eine Inspektion der Pipelines erst in ein bis zwei Wochen stattfinden. Der dänische Verteidigungsminister Morten Bodskov verwies auf den derzeit in den Leitungen herrschenden Druck und die Menge des austretenden Gases als Hindernisse für die Inspektion.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. September 2022 um 10:00 Uhr.