Jean-Luc Godard | EPA
Nachruf

Zum Tod von Jean-Luc Godard "Zeigen, dass alles erlaubt ist"

Stand: 13.09.2022 12:29 Uhr

Revolutionär war er, provokativ - und nie darauf aus, zu gefallen. Mit Jean-Luc Godard hat die Filmwelt einen ihrer innovativsten und einflussreichsten Regisseure verloren.

Von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Es war einer der letzten öffentlichen Auftritte von Jean-Luc Godard: Auf der Pressekonferenz zu seinem Film "Le livre d’image", der 2018 bei den Filmfestspielen in Cannes Premiere feierte, ließ sich der französische Regisseur über Handy aus seinem Wohnzimmer in der Schweiz zuschalten. Typisch Godard mit schwarzer Hornbrille und Zigarre im Mund, saß er in einem Ohrensessel.

Sabine Wachs ARD-Studio Paris

Gestandene Filmjournalisten waren völlig aus dem Häuschen: "Bonjour Monsieur Godard, ich warte seit 20 Jahren auf diesen Moment für unser kleines Gespräch. Ich habe wegen Ihnen Französisch gelernt, ich wollte Ihre Filme im Original verstehen", hieß es da. Oder: "Es ist eine Ehre mit einer lebenden Legende zu sprechen."

"Zeigen, dass alles erlaubt ist"

Seit Jahren pflegte Godard sein Image als medienscheuer Einsiedler, erschien nicht einmal persönlich in Hollywood, als ihm die Academy 2010 den Ehren-Oscar verlieh. Der Oscar bedeute ihm nichts, sagte er damals im Interview mit der Neuen Züricher Zeitung. Geehrt wurde der französische Regisseur trotzdem.

Die passenden Worte fand damals der französische Schauspieler Vincent Cassel:  "Er erneuerte die Filmindustrie von Grund auf", sagte er über den Regisseur. "Eine bahnbrechende Leistung. Er revolutionierte das Kino mit der Nouvelle Vague."

Gleich Godards erster Langfilm, "Außer Atem" aus dem Jahr 1960, mit den damals noch unbekannten Schauspielern Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg katapultierte den Regisseur ganz nach vorne. Durch schnelle Schnitte kreierte er einen neuen Erzählrhythmus. "Dieser Film verstößt fast schon krankhaft, fast systematisch gegen alle geltenden Regeln", sagte Godard darüber. "Mir war es wirklich ein inneres Bedürfnis damit zu zeigen, dass alles erlaubt ist."

"Das wahre Leben sehen sie überall"

Zu Beginn seiner Karriere arbeitet Godard wie besessen. Bis Ende der 1960er-Jahre drehte er 15 Filme, einige davon parallel.  Er arbeitete mit Stars wie Brigitte Bardot. Seine erste Ehefrau, die dänische Schauspielerin Anna Karina, wurde durch seinen Film "Der kleine Soldat" berühmt.

Die späteren Filme allerdings wurden keine großen Kassenschlager mehr. Zu intellektuell, zu rätselhaft, zu wenig Mainstream, waren viele seiner Werke nur noch in Programmkinos oder auf den großen Filmfestivals zu sehen. Das störte Godard nicht, er hatte seine ganz eigene Ansicht von dem, was das Kino leisten sollte:

Das Kino ist etwas, das einzigartig ist, es sollte das zeigen, was sie sonst nirgends sehen können. Das wahre Leben sehen sie überall, zum Beispiel auf facebook.

Politische Provokationen

Godard war nie darauf aus, zu gefallen. Politisch provozierte er mit umstrittenen Äußerungen über den zu großen Einfluss der Juden in Hollywood, kritisierte den Staat Israel und bezeichnete ihn als wachsendes Krebsgeschwür in Nahost. Gegen den Vorwurf des Antisemitismus verwehrte sich der Regisseur und verwies lediglich auf sein pro-palästinensisches Engagement.

1968 sorgte Godard mit den Regisseuren Truffaut und Polanski für den Abbruch der Filmfestspiele von Cannes. Jahre später beschimpfte er seine Hollywood-Kollegen Steven Spielberg und George Lucas:

Spielberg hat eine viel zu hohe Meinung von seiner Arbeit und George Lucas ist noch viel schlimmer. Er ist nichts weiter als ein Bastler.

Trotz dieser teils radikalen und provokanten Äußerungen wurde Godard zeit seines Lebens in der Filmwelt hoch geschätzt. Er, der dem Kino über Jahre hinweg den Tod voraus gesagt hatte, verschrieb sich bis zum eigenen Lebensende der Filmkunst. Noch mit 88 Jahren versprach der unermüdliche Godard seinen Bewunderern auf der Pressekonferenz in Cannes, weiterzumachen: "So lange ich kann", sagte er. "Das hängt nicht von mir ab, sondern von meinen Beinen, meinen Händen und meinen Augen."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. September 2022 um 12:00 Uhr.