Ein von Maxar Technologies zur Verfügung gestelltes Satellitenbild soll eine Massengrabstelle neben einem bestehenden Dorffriedhof am nordwestlichen Rand von Manhush, etwa 20 Kilometer westlich von Mariupo zeigen | EPA

Berichte über Massengräber Was über die Satellitenbilder bekannt ist

Stand: 22.04.2022 12:06 Uhr

Schon im ukrainischen Butscha waren Hunderte Zivilisten ermordet aufgefunden worden. Nun sollen Satellitenbilder ein Massengrab nahe Mariupol zeigen. Was wir wissen und was nicht.

Was ist bekannt?

Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine berichten ukrainische Regierungsmitglieder und geflüchtete Zivilisten über grausame Gewalttaten russischer Truppen an der Zivilbevölkerung, insbesondere aus belagerten Städten wie Mariupol am Asowschen Meer. Seit Donnerstag berichten ukrainische Medien über ein Massengrab, das sich westlich von Mariupol in der etwa 20 Kilometer entfernten Siedlung Manhusch befinden soll. Sie berufen sich dabei auf Behörden aus der Stadt und Satellitenbildern der Firma Maxar.

Auf den Bildern des US-amerikanischen Unternehmens ist eine größere Fläche zu sehen, auf der Erdhügel zu erkennen sind. Die Gräbern ähnelnde Fläche soll etwa 300 Meter lang sein und sich in der Nähe eines bestehenden Friedhofs befinden. Die Aufnahmen von verschiedenen Tagen sollen zeigen, dass die ersten Gräber offenbar Ende März entstanden sind. Die späteren Bilder halten fest, dass weitere Gräber dazugekommen sein sollen.

Woher kommen die Satellitenbilder?

Die im US-Bundesstaat Colorado ansässige Firma Maxar Technologies stellt Raumfahrzeuge, Satelliten und deren Bauteile her. Zur Firmenstruktur gehört auch das 2017 aufgekaufte Unternehmen DigitalGlobe, dessen Vorgängerfirma 1999 den ersten kommerziellen Erdbeobachtungssatelliten "Ikonos-2" ins All gebracht hatte.

Maxar betreibt selbst mehrere Satelliten, mit denen vom All aus Aufnahmen für zahlende Kunden aus Militär und Geheimdienst gemacht werden - eine Tochterfirma namens DigitalGlobe beliefert auch GoogleMaps mit Bildern.

Der Satellit "WorldView-3" etwa kann Firmendaten zufolge panchromatische Bilder mit einer Auflösung bis auf 31 Zentimeter und Infrarot-Bilder bis auf 3,7 Meter genau anfertigen.

Welche weiteren Anhaltspunkte gibt es?

Auch der Stadtrat von Mariupol teilt mit, dass es dieses Massengrab gebe. Der Mariupoler Bürgermeister Wadym Bojtschenko sagte, Leichen von zuhauf getöteten Zivilisten seien nach und nach von den Straßen der Stadt verschwunden, mit Lastwagen abtransportiert und in die bei Manhusch ausgehobenen Gräben geworfen worden. Er warf den russischen Soldaten vor, damit ihre Verbrechen vertuschen zu wollen.

Ein Berater Bojtschenkos hatte bereits zuvor erklärt, das russische Truppen getötete Zivilisten aus Mariupol massenhaft verscharren würden. Insgesamt sollen in Mariupol 22.000 Menschen getötet worden sein. Die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz können die Zahl nicht bestätigen; diese gehe aber zumindest in die Tausende. Aus Mariupol geflüchtete Menschen berichten übereinstimmend über grausame Taten, die durch Truppen wahllos an der Bevölkerung verübt worden sein sollen.

Schätzungen des Stadtrats zufolge könnten bei Manhusch zwischen 3000 und 9000 Menschen begraben worden sein. Laut der lokalen Behörde könnten die Leichen möglicherweise sogar in mehreren Schichten aufeinander liegen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Wie werden die Berichte bewertet?

In einem Post vom Donnerstag auf Telegram zitierte der Mariupoler Stadtrat Bürgermeister Wadym Bojtschenko, der mit Blick auf die Holocaust-Gedenkstätte in Kiew von einem "neuen Babyn Jar" sprach. In Babyn Jar nahe der Hauptstadt Kiew hatten NS-Truppen 1941 in anderthalb Tagen mehr als 33.000 Juden erschossen. Für die Ukrainer ist es eines der schlimmsten Massaker ihrer Geschichte. Bojtschenko schrieb: "Das erfordert eine entschlossene Reaktion der gesamten Welt. Wir müssen diesen Völkermord stoppen, mit allen Mitteln, die möglich sind."

Ukrainische Quellen verglichen die Berichte über mutmaßliche Massengräber bei Mariupol mit den Bildern aus dem Kiewer Vorort Butscha. Dort waren nach dem Abzug russischer Soldaten Hunderte Leichen von Zivilisten gefunden worden, die zum Teil brutale Verletzungen aufwiesen.

Auch aus Butscha hatte es Satellitenbilder gegeben, die entsprechende Berichte über Massengräber belegten, nachdem die russische Seite sie abgestritten hatte. Sowohl Menschenrechtsorganisationen als auch OSZE-Beobachter haben die Vorfälle in Butscha als belegte Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht eingestuft.

Was sagt Russland zu den Vorwürfen?

Die russische Seite hat sich zu den Bildern und aktuellen Berichten aus Manhusch bisher nicht geäußert. Nach Bekanntwerden der Gräueltaten von Butscha hatte Russland jegliche Verantwortung dafür bestritten. Staatliche Stellen lancierten stattdessen die Idee, dass das Massaker eine Fiktion sei und "Schauspieler" dort Leichen gemimt hätten.

In Butscha sammeln derzeit mehrere internationale Organisationen und Gruppen unabhängig Beweise, um die Vorfälle zu untersuchen. Die Angaben aus Mariupol unabhängig zu überprüfen, ist derzeit aufgrund der militärischen Lage vor Ort nicht möglich.

Mit Informationen von Palina Milling für das ARD-Studio Moskau.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. April 2022 um 12:00 Uhr.