Teil des Parks in Babi Jar (Weiberschlucht) in Kiew (Ukraine). | picture alliance / JOKER

80. Jahrestag des Massakers Das monströse Verbrechen von Babyn Jar

Stand: 29.09.2021 05:36 Uhr

In der Ukraine wird mit Gedenkminuten, Konzerten und Geschichtsstunden der Opfer des in der Schlucht von Babyn Jar verübten Massakers gedacht. 1941 erschossen deutsche Einsatzgruppen dort mehr als 33.000 Juden.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Am 29. und 30. September 1941, vor 80 Jahren, erschossen SS-Einheiten in weniger als 36 Stunden mehr als 33.000 Juden in einer Schlucht nahe Kiew. Seitdem steht der Name Babyn Jar für eines der schlimmsten Massaker der Geschichte. In Kiew wird es eine ganze Reihe offizieller Veranstaltungen geben, um an das monströse Verbrechen zu erinnern. Präsident Frank-Walter Steinmeier wird am 6. Oktober an einer Gedenkzeremonie teilnehmen.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

Wenn vom Holocaust die Rede sei, erklärt Ruslan Kawatsjuk vom Gedenkzentrum Babyn Jar, dann würden die meisten Menschen an Konzentrationslager denken. An Vernichtungslager wie Auschwitz: "Leider ist kaum bekannt, dass die Hälfte der Opfer des Holocaust in Osteuropa nicht in Lagern, sondern direkt am Wohnort starb. Sie wurden erschossen, so wie in Babyn Jar."

Perfide geplanter Massenmord

Innerhalb von 36 Stunden erschossen SS-Mitglieder am 29. und 30. September 1941 in der Schlucht bei Kiew 33.771 Juden. Frauen, Männer, Kinder, Alte. Akribisch gezählt - und in Berichten festgehalten. Ein Holocaust durch Kugeln, perfide getarnt als Umsiedlung: ein monströs-effizient geplantes Verbrechen.

Babyn Jar, so formulierte es der damalige Bundespräsident Joachim Gauck vor fünf Jahren bei einer Gedenkveranstaltung, stehe für das, was dem industriellen Morden vorausgegangen sei. Das abertausendfache Töten durch Erschießen. Und zum Blick in den Abgrund unserer eigenen Geschichte gehört das Eingeständnis, dass nicht nur Sondereinheiten, sondern auch ganz reguläre Wehrmachtsangehörige an diesem Verbrechen maßgeblich beteiligt waren.

Zehntausende: Juden, Sinti und Roma, Kriegsgefangene, psychisch Kranke und Häftlinge wurden über die Jahre in Babyn Jar hingerichtet. Um die Spuren der Massaker zu tilgen, ließen die Nazis vor ihrem Rückzug die Leichen ausgraben und verbrennen.

Geplantes Vergessen

Dem Vertuschen folgte verordnetes Vergessen. Die sowjetische Führung entschied, in die Schlucht Schlamm benachbarter Ziegelwerke einzuleiten, um sie einzuebnen. Um Platz zu schaffen für die wachsende Stadt. Für Wohnblocks und einen Kultur- und Erholungspark. 

Heute erinnern rund drei Dutzend Denkmäler an die Opfer von Babyn Jar. Ein siebenarmiger Leuchter, ein Roma-Wagen, ein kleines Mädchen, ein monumentales Mahnmal für die Opfer unter den Bürgern Kiews. Moderne Kunstinstallationen. Fragmentiertes Gedenken, das wie ein Sinnbild wirkt für eine Erinnerungskultur, die umstritten bleibt, weil sie am nationalen Selbstverständnis rührt und längst auch geopolitisch aufgeladen ist.

Diskussionen über Art des Gedenkens

"Wir haben kein Recht, zu vergessen und werden nicht vergessen, sondern der Opfer gedenken. Für die Ukraine ist es äußerst wichtig, würdig und auf höchster Ebene alle Opfer dieser Tragödie zu ehren", hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im Juli noch einmal mal betont. Über die Frage aber, was würdig und angemessen ist, gibt es weiter hitzige Diskussionen.

Die einen fürchten, dass der inzwischen geplante Museumskomplex in Babyn Jar zu einem Holocaust-Disneyland verkommt. Andere warnen davor, den Schwerpunkt des Gedenkens allein auf die jüdischen Opfer zu legen. Es gibt diejenigen, die vor dem Einfluss russischer Geldgeber warnen, weil sie der Ukraine eine dem Kreml genehme Erinnerungskultur aufzwingen könnten. Und andere, die eine Aufarbeitung der Rolle ukrainischer Nationalisten einfordern.

Babyn Jar ist zu einem Politikum geworden. Das nicht vergessen machen sollte, worum es eigentlich geht: um die Erinnerung an die Opfer eines monströsen Verbrechens deutscher Sonderkommandos, das in der Schlucht vor 80 Jahren seinen Anfang nahm.

Dieser Beitrag lief am 29. September 2021 um 14:10 Uhr auf Inforadio.

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KOMMENTARE

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MRomTRom 29.09.2021 • 14:55 Uhr

Unfassbare Verdrängung: Sogar 'Mitleid' mit den Tätern

Gestern habe ich einen Bericht über das Massaker von Babyn Jar im Spiegel gelesen. Dort werden die Vorgänge etwas aus der Anonymität des reinen Zahlenwerkes geholt. Auch die kaum in nennenswerter Zahl erfolge juristische Aufarbeitung wird erwähnt. Was in den wenigen Prozessen von Tätern zu hören war, übersteigt die Fassbarkeit. Da bedauerten sich die Mörder des SS-Kommandos noch für die ‚Belastung‘ bei ihrem Akkord im Erschießen. Eingespielte Opernmusik, Champagner und Brotzeit sollten sie lindern. Nur wenn man sich mit den Einzelheiten dieses Massakers beschäftigt, hat man die Chance zumindest entfernt zu erfassen, was damals geschehen ist.