Boris Johnson | picture alliance/dpa/PA Wire

Wahlkreis verloren An Johnsons Stuhl wird heftig gesägt

Stand: 17.12.2021 13:57 Uhr

Weihnachtspartys im Lockdown, eine Schlappe bei der Abstimmung über neue Corona-Maßnahmen und nun auch noch ein verlorener wichtiger Wahlkreis. Nicht mehr nur die Opposition möchte den britischen Premier loswerden.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Dieser Wahlkreis im Westen von England an der Grenze zu Wales ist stockkonservativ. Hier gibt es viele landwirtschaftliche Betriebe. Seit Jahrzehnten holen hier die Tories ihre Mehrheiten mit großem Abstand vor den Wettbewerbern. Und viele hier haben sich für den Brexit ausgesprochen. Eigentlich Boris-Johnson-Land.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Genau deswegen ist es eine kleine Sensation, dass die europafreundlichen Liberaldemokraten bei der Nachwahl nun den Sitz im Unterhaus gewonnen haben - mit einem deutlichen Vorsprung: 6000 Stimmen. Die Gewinnerin Helen Morgan, weiß auch, wie das kommen konnte. "Boris Johnson, die Party ist vorbei", sagte sie.

Eine Anspielung auf Berichte, dass es vor einem Jahr - mitten im harten Lockdown - im Amtssitz des Premiers eine Weihnachtsfeier gegeben hat. Eine Regierungsberaterin musste deswegen bereits gehen.

Noch ein Treffer - dann könnte er weg sein

Der Premier betont, es sei nicht gegen Regeln verstoßen worden. Aber fast täglich kommen Meldungen über weitere Weihnachtsfeiern der Regierung dazu. Auch Umfragen zeigen: Viele sind genervt von Boris Johnson.

"Das war ein Referendum über die Performance des Premierministers", sagte der konservative Abgeordnete Roger Gale in einem Interview mit dem Radiosender BBC4 und ergänzte, nun sei er angeschlagen. Zwei Treffer habe Johnson schon abbekommen, noch einer, dann sei er weg, sagte der Abgeordnete, der seine klare Analyse mit einem weiteren militärischen Bild unterstrich: Die Konservative Partei sei nun mal bekannt dafür, keine Gefangenen zu machen. Will heißen: Wenn der Premierminister nicht performt, fliegt er raus.

Fast 100 Konservative gegen den Premier

Zu Beginn der Woche musste Johnson schon die Niederlage einstecken, dass fast 100 Abgeordnete der Konservativen im Unterhaus gegen Vorschläge der Regierung zur Verschärfung der Corona-Maßnahmen stimmten. Nun auch noch North Shropshire. Aber nicht nur innerhalb der eigenen Partei wird an seinem Stuhl gesägt, auch die Oppositionsparteien machen Druck.

Labour braucht mehr Siege wie North Shropshire

Aber ob Labour allein die konservative Regierung aus dem Amt jagen kann, ist fraglich. Die Liberaldemokraten sehen sich in der Rolle, bei kommenden Wahlen den Tories einige Sitze abnehmen zu können.

Der Vorsitzende der Liberaldemokraten, Ed Davey, erklärt: "Die Liberaldemokraten werden besonders bedeutend sein, wenn es darum geht, Johnson und die Konservativen aus der Regierung zu treiben. Es gibt keinen Weg, Johnson los zu werden jenseits solcher Siege wie jetzt in North Shropshire."

Nachwahl wegen Lobbyismus-Affäre

Die Nachwahl war angesetzt worden, weil der dortige konservative Abgeordnete Owen Paterson nach gut 24 Jahren im Parlament wegen einer Lobbyismus-Affäre zurücktreten musste. Johnson hatte zunächst versucht, ein Disziplinarverfahren gegen den Abgeordneten zu stoppen, musste dann aber angesichts der Empörung in den eignen Reihen einen Rückzieher machen.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 17. Dezember 2021 um 13:50 Uhr.