Großbritanniens Premier Boris Johnson | AP

Johnson bei Tories-Parteitag Einer, an dem nichts kleben bleibt

Stand: 06.10.2021 14:14 Uhr

Treibstoffkrise, Schweinestau, private Skandale? Der britische Premier hat weiter gut lachen. Auch beim Parteitag der Konservativen übt kaum jemand Kritik an Johnson - und manch einer wäre gern wie er.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

In Manchester ist es in diesen Tagen, als würde man zwischen zwei Welten wandeln. Draußen gibt es eine Treibstoffkrise, es wird über fehlende LKW-Fahrer diskutiert und demonstrierende Schweinezüchter halten Schilder hoch mit der Frage: "Wo sind die Schlachter geblieben?". Drinnen im Kongresszentrum, in dem die Konservativen ihren Parteitag abhalten, scheinen diese Probleme weit weg zu sein. Obwohl aktuell mehr und mehr Branchen über Fachkräftemangel klagen und Millionen Briten die konkreten Auswirkungen im Alltag spüren, stehen die Tories auffällig kritiklos hinter ihrem Premier.

Imke Köhler ARD-Studio London

Uneingeschränktes Lob, wie von Ed Pitt Ford aus dem Wahlkreis London und Westminster, hört man von vielen Parteimitgliedern: "Ich finde, Boris Johnson macht einen sehr guten Job", sagt er. "Durch eine Pandemie musste vorher noch keiner, und er hat ein Impfprogramm aufgelegt, das Großbritannien wieder auf Kurs gebracht hat - und jetzt gehören wir bei den G7 zu denen, die die größten Fortschritte machen."

Opposition arbeitet sich an ihm ab

Johnson sitzt fest im Sattel. Ob politische Krisen oder persönliche Affären, an ihm bleibt nichts haften. Was das angeht, ist Johnson ein Phänomen, er ist ein Premier mit Teflon-Qualitäten. Die Liste der Verfehlungen und Vorkommnisse, mit denen er für Schlagzeilen gesorgt hat, ist lang. Von gescheiterten Projekten über Frauengeschichten bis hin zu rassistischen Äußerungen, der Verbreitung von Unwahrheiten und "Wallpapergate".

Oppositionsführer Keir Starmer arbeitet sich regelmäßig an Johnson ab, aber mehr als ein Schlagabtausch im Parlament bleibt meist nicht übrig. Bei "Wallpapergate" ging es um die Luxusrenovierung von Johnsons Dienstwohnung in Downing Street und den Vorwurf, dass er bei der Finanzierung gegen den Verhaltenskodex verstoßen habe.

Weglassen, ablenken, Gegenangriffe

In Momenten wie diesen antwortet Johnson entweder nur selektiv und lässt Entscheidendes offen - oder er behauptet, dass das Thema die Bürger gar nicht interessieren würde und redet konsequent über etwas Anderes. Oder er geht in den Angriff über, der bekanntlich die beste Verteidigung ist.

Angriff und Themenwechsel lassen sich dabei kombinieren, wie auch in diesem Fall: Gefragt danach, wer ursprünglich die Rechnung für die Luxusrenovierung bezahlt hat, attackierte Johnson Starmer im Zusammenhang mit der Europäischen Arzneimittelagentur.

Johnsons Redegewandtheit ist auch bedeutsam, wenn es um den Teflon-Effekt des Premiers geht. Denn er kann auch rhetorisch daraufhin arbeiten, dass alles nichtig erscheint und an ihm abtropft. Dass die fragwürdigen Dinge, die er sich erlaubt, ihm so wenig schaden, liegt aber auch daran, dass es davon schon so viele gab. Das mag kurios klingen, ist aber wahr. Bei den Wählerinnen und Wählern gibt es einen Gewöhnungseffekt, der im Zweifel nur noch ein Schmunzeln oder Schulterzucken nach sich zieht: "So ist er halt, der Boris."

Auch die Tatsache, dass die Briten den Premier beim Vornamen nennen, macht etwas aus. Der Premier punktet mit seiner vermeintlich kumpelhaften Art. Parteimitglied Zoe, die ihren Vornamen nicht nennen will, beschreibt es so: "Die Leute haben das Gefühl, mit Boris stärker verbunden zu sein, weil er ihnen ähnlicher zu sein scheint als die traditionellen Politiker; weil Boris anders ist.“

Ed aus Liverpool, ebenfalls großer Fan von Johnson, glaubt, dass Johnson alles verziehen wird, weil er authentisch sei: "Er kommt als echt rüber. Und das stimmt, er verstellt sich nicht. Ich glaube, die Wähler sehen, dass er nicht vorgibt, irgendetwas Anderes zu sein als Boris."

Boris Johnson posiert mit Wurstwaren einer britischen Firma (Archivbild von 2019). | DARREN STAPLES/POOL/EPA-EFE/REX

Im Wahlkampf 2019 konnte Boris Johnson punkten - ob er nun mit Wurstkette posierte oder bei Befragungen flunkerte. Bild: DARREN STAPLES/POOL/EPA-EFE/REX

Er kann mitreißen und zum Lachen bringen

Im Wahlkampf 2019 hieß es, dass sich viele Wähler mit Johnson identifizieren konnten, gerade weil er nicht immer korrekt ist, mal was dreht oder lügt. Insgeheim würden sich seine Anhänger wünschen, so zu sein wie er. Was Johnson ohne Zweifel grundsätzlich zugute kommt, sind sein Witz und sein Charisma. Er kann mitreißen und Menschen zum Lachen bringen - das verfängt.

Dass Johnsons Kritiker ihn als Clown bezeichnen und ihm die Statur für das Amt des Premiers absprechen, kann ihm egal sein, er ist ja schon Premier. Und so schwach wie sich Labour derzeit präsentiert, dürfte Johnson es noch lange bleiben - zumal er Teflon-Qualitäten besitzt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. Oktober 2021 um 15:00 Uhr.