Helfer bemühen sich nach dem Absturz der Seilbahn bei Stresa (Italien) um die Rettung der Opfer. | dpa

Seilbahnunglück in Italien Ein Geständnis und viele offene Fragen

Stand: 23.11.2021 18:19 Uhr

Sechs Monate ist es her, dass im italienischen Stresa eine Seilbahn abstürzte. 14 Menschen starben. Die Ermittlungen zur Unglücksursache aber gestalten sich schwierig - nicht nur aus technischen Gründen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom, zurzeit Stresa

Die grauen Wolken hängen tief über Stresa, es nieselt und das Wasser des Lago Maggiore wirkt wie flüssiges Blei. In der Bar "Imbarcadero" am Fähranleger sitzt an diesem grauen Novembertag Mario Zangobbi und nippt an seinem Espresso. Wie fast alle in Stresa, sagt der Gastronom, erinnere er sich noch genau an den Tag vor einem halben Jahr, als die Sonne schien über dem Lago Maggiore, Frühling in der Luft lag und der Ausflugsort voll war mit Touristen.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rom

"Ich habe die Sirenen gehört an diesem Sonntagmittag. Doch ich dachte, vielleicht ein Autounfall", erinnert sich Zangobbi. Dann aber habe ihm seine Frau gesagt, die Seilbahn sei abgestürzt. "Ich habe den Fernseher eingeschaltet und Gänsehaut bekommen, als ich die Bilder gesehen habe." Er habe es nicht glauben können: "Wie kann es sein, dass die Seilbahn abstürzt?"

Mühsame Rekonstruktion

Auf diese Frage sucht Olimpia Bossi seit sechs Monaten eine Antwort. Die verantwortliche Staatsanwältin hat unmittelbar nach dem Unglück die Ermittlungen übernommen. Jetzt sitzt Bossi in ihrem Büro im Gericht von Verbania zwischen einem Berg von Akten und rekonstruiert, was am 23. Mai gegen 11.45 Uhr geschah, kurz bevor eine der Seilbahngondeln mit 15 Menschen an Bord die Bergstation Mottarone erreichen konnte.

"Es ist das Zugseil der Kabine gerissen, das ist klar", sagt die Staatsanwältin. In diesem Fall müsste ein Notbremssystem aktiv werden und die Kabine stoppen. "Aber", sagt Bossi, "es war blockiert, weil Metallklammern im Bremssystem steckten, die sich dort nur befinden dürfen, wenn die Kabine nicht in Betrieb ist oder bei Wartungsarbeiten." Weil das Notbremssystem nicht funktionierte, raste die Kabine zu Tal, schlug gegen einen Stützpfeiler und stürzte ab. 14 Menschen starben.

Staatsanwältin geht von Manipulation aus

Warum die Bremsen blockiert waren, ist eine der zentralen Fragen, denen Bossi nachgeht. Die Staatsanwältin ist nach den monatelangen Ermittlungen überzeugt: Es war eine wissentliche Manipulation: "Es ist eine Entscheidung gewesen, die bewusst getroffen wurde. Wir haben die Aussage eines Beschuldigten, des Betriebsleiters, der zugegeben hat, dass er dies gemacht hat, um Fehlfunktionen des Systems zu vermeiden."

Konkret: Im Normalbetrieb stoppte die Seilbahn gelegentlich ungewollt. Um das zu verhindern, wurdedas Notfallbremssystem ausgeschaltet. Eine Manipulation, sagt die Staatsanwältin, die es nicht nur am Unglückstag gegeben hat, sondern bereits mehrfach in den Wochen vorher.

Der Betriebsleiter steht zurzeit unter Hausarrest, laut eigener Aussage hat er aber nicht aus eigenem Antrieb gehandelt. Die Staatsanwältin ermittelt in diesem Zusammenhang gegen den technischen Leiter und den Inhaber der Seilbahn. Der Inhaber reagiert nicht auf Presseanfragen.

Warum riss das Seil?

Zum zweiten großen Punkt ihrer Ermittlungen zuckt Bossi mit den Schultern. Zur Frage: Warum ist das Zugseil gerissen, warum also kam es überhaupt zu einer Notsituation, in der das Bremssystem hätte aktiv werden müssen? "Heute sind wir noch nicht in der Lage, darauf eine Antwort zu geben", räumt die Ermittlerin ein.

Im Rahmen der Untersuchungen führe derzeit ein Pool von Experten aufwändige technische Analysen an Beweismitteln durch. Das Ziel sei, "den Grund zu verstehen, warum das Seil gerissen ist".

Bergung der abgestürzten Gondel in Stresa (Italien) | REUTERS

Erst Anfang November konnte in Stresa die abgestürzte Gondel geborgen und zur Untersuchung abtransporteirt werden. Bild: REUTERS

Komplizierte Bergung der Kabine

Eines der wichtigsten Beweismittel ist die Seilbahnkabine, die erst Anfang des Monats geborgen werden konnte. Laut Staatsanwältin musste die Feuerwehr an der Absturzstelle circa 80 Bäume fällen, die fast eineinhalb Tonnen schwere Kabine aufwändig sichern und sie mit einem Spezialhubschrauber abtransportieren.

Konkret wird zur Frage des Seilrisses gegen insgesamt elf Personen ermittelt, unter anderem gegen Verantwortliche des Unternehmens, das die jährlichen Kontrollen der Seilbahn durchgeführt hat. Eine erste Anhörung der Experten, die jetzt die Gondel untersuchen, ist für den 16. Dezember geplant. Die Gerichtsverhandlung wird wahrscheinlich nicht vor dem kommenden Frühjahr beginnen.

Mario Zangobbi in der Bar am Anlegesteg in Stresa wünscht sich möglichst schnelle Aufklärung. Das Unglück, sagt er, laste immer noch auf dem kollektiven Gedächtnis des 5000-Einwohner-Ort. "Wir reden hier wenig darüber. Es ist fast so, als wenn wir uns alle ein wenig schuldig fühlen", meint er. Das sei natürlich Unsinn, aber "auch uns bewegt die Frage, wer für dieses Unglück wirklich die Verantwortung trägt".

Über dieses Thema berichtete BR24 am 23. November 2021 um 16:50 Uhr.