Ein Mann betritt das Wahlbüro der Linksgrünen Partei in Reykjavik. | AP

Wahl in Island Links-Rechts-Bündnis vor dem Aus

Stand: 25.09.2021 10:55 Uhr

In Island wird heute schon gewählt: Obwohl das Land gut durch die Pandemie gekommen ist, dürfte es knapp werden für das aktuelle Links-Rechts-Bündnis. Experten rechnen am Ende mit einer Multi-Parteien-Regierung.

Von Sofie Donges, ARD-Studio Stockholm

Schon im Februar ahnte die amtierende Ministerpräsidentin Katrín Jakobsdóttir, dass es eng werden könnte bei dieser Parlamentswahl. Dabei konnte das Land während der Pandemie fast durchgehend Erfolge vermelden: Wenig Infizierte, wenig Tote, eine hohe Impfrate.

Sofie Donges ARD-Studio Stockholm

Trotzdem sagte die Ministerpräsidentin damals im Interview mit dem schwedischen Radio eher zurückhaltend als siegessicher: "Wenn wir glauben, dass wir eine gute und effektive Koalitionsregierung bilden können, die wichtige Themen auf die Tagesordnung bringt, dann wollen wir natürlich auch die nächste Regierung leiten."

Ungewöhnliches Links-Rechts-Bündnis

Umfragen zufolge schätzen die Isländerinnen und Isländer ihre links-grüne Ministerpräsidentin durchaus, doch Jakobsdóttir Partei die Linksgrünen verlieren gleichzeitig ein Drittel der Wählerstimmen und sollen bei nur noch rund 10 Prozent landen. Derzeit regieren sie in einem Links-Rechts-Bündnis, eine sehr ungewöhnliche Koalition, so die Regierungschefin kurz nach ihrem Antritt vor vier Jahren.

Neben den Linksgrünen sind die konservative Unabhängigkeitspartei und die Fortschrittspartei, eine ehemalige Bauernpartei, beteiligt. Diese Dreier-Koalition stehe auf sehr wackeligen Füßen, so der isländische Journalist Thórður Snær Júlíusson: "Es ist so eng, es hängt an ein, zwei, vielleicht drei Prozent, dass diese Regierung überlebt."

 

"Isländische Politiker müssen umdenken"

Noch nie sind neun Parteien bei einer Wahl angetreten. Fragmentierung ist auch in Island eines der Schlagwörter bei dieser Wahl. Beobachter gehen davon aus, dass es nicht unwahrscheinlich sei, dass künftig mehr Parteien für eine Mehrheit benötigt werden.

"Isländische Politiker müssen umdenken. Eine Multi-Parteien-Regierung wäre ein erster Schritt", sagt Júlíusson. "Ich glaube nicht, dass das ein Problem wird. Das gibt es auch in anderen skandinavischen Ländern. Die kriegen das hin, warum wir dann nicht auch?“

Pandemie für viele Isländer nicht wahlentscheidend

Die Popularität der Ministerpräsidentin und auch die Pandemie spielen für die Isländer keine besondere Rolle bei ihrer Wahlentscheidung, berichtet Heimir Már Pétursson, Kommentator bei RUV, dem isländischen Rundfunk: "Merkwürdigerweise ist das gar kein Thema. Fragt man die Leute, interessiert sie das gar nicht. Wichtig für sie ist das Gesundheitssystem, das Wohlfahrtssystem und ganz neu die Klimaveränderungen, was eine bemerkenswerte Entwicklung ist."

Die Wahllokale schließen um 24 Uhr deutscher Zeit, mit einem Ergebnis wird am Sonntagmorgen gerechnet. Langwierige Regierungsverhandlungen sind nicht unwahrscheinlich, das ist aber auch nichts Neues in Island. Auch bei der letzten Wahl vor vier Jahren gab es mehrere Verhandlungsrunden, bis sich eine Regierung bildete.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. September 2021 um 08:39 Uhr.