Boris Johnson | AP

Britischer Politologe Glees "Johnson ist sein ganzes Leben lang ein Spinner gewesen"

Stand: 08.07.2022 10:37 Uhr

Großbritannien habe genug von Premier Johnson - auch wenn der es nicht wahrhaben wolle, sagt der britische Politologe Glees im ARD-Morgenmagazin. Auch sein Auftreten gegenüber der eigenen Partei sei respektlos und selbstbezogen.

Ein "Affentheater" nennt der britische Politologe und Zeithistoriker Anthony Glees die Regierungskrise in London im ARD-Morgenmagazin. Die "sogenannte Rücktrittsrede" des britischen Premiers Boris Johnson vom Dienstag verdiene ihren Namen nicht, sagt er und urteilt: "Johnson ist sein ganzes Leben lang ein Spinner gewesen. Er weiß nicht, was das Wort Wahrheit bedeutet. Nicht erst seit 2019, als er Premierminister wurde - sondern seine ganze Karriere ist aus Chaos und Lügen gebaut."

Anthony Glees | June Costard
Zur Person

Anthony Glees, Politologe und Zeithistoriker, hat eine Professur an der University of Buckingham inne und leitet das Centre for Security and Intelligence Studies, BUCSIS. Als britischer Sohn zweier aus Deutschland emigrierter Eltern begreift er sich als Europäer und beobachtet die Europäische Union mit besonderem Interesse.

"Das ist eine Unverschämtheit"

In der Rede habe Johnson ausschließlich Dinge aufgezählt, von denen er selbst meine, er habe sie sehr gut gemacht - vom vollzogenen Austritt Großbritanniens aus der EU bis zur Schützenhilfe für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj: "Keine Entschuldigung, keine Anerkennung der vielen Lügen, keine Anerkennung der großen Schäden, die er gemacht hat!"

Zu Gerüchten aus der britischen Presse, Johnson wolle nun zuerst einmal eine große Hochzeitsfeier mit seiner Frau Carrie Johnson nachholen, sagt Glees - in einer Anspielung auf den Partygate-Skandal um Feiern im Amtssitz, die Johnson während des Lockdowns veranstaltete: "Party, schon wieder Party! Das ist eine Unverschämtheit, eine Frechheit! Aber mit seiner frechen Art, Politik zu machen, ist es, glaube ich, nicht vorbei, bis er wirklich aus der 10 Downing Street herausgeworfen werden muss."

"Sehr auf sich selbst bezogen"

Auf die Frage, wie viel Rückhalt Johnson im Volk habe und wie er sich trotz zahlreicher Skandale so lange halten konnte, sagt Glees: Johnson habe seine Überzeugungsfähigkeit eingesetzt, um den Brexit als etwas Positives für Großbritannien zu verkaufen - zudem berufe er sich auf den Wahlerfolg von 2019, als er eine Mehrheit von 80 Sitzen und viele Labour-Sitze im Parlament zu den Tories gebracht hatte - "völlig respektlos für die eigene konservative Partei, aber sehr auf sich selbst bezogen".

Gleichzeitig habe Johnson während seiner Amtszeit von den Boulevard-Medien Unterstützung erhalten, während er die BBC heftig unter Druck gesetzt habe. Im Ergebnis zeichneten die Schlagzeilen ein anderes Stimmungsbild, als es im Volk vorherrsche, meint Glees: "Die Briten haben von Boris Johnson die Nase voll. Er will es nicht verstehen, aber das sind die Tatsachen. Und es ist Wahnsinn, dass er es nicht wahrnimmt."

Über dieses Thema berichtete das ARD Morgenmagazin am 08. Juli 2022 um 06:10 Uhr.