Eine Stromleitung in der Region Kiew | EPA

Nach Angriffen auf Infrastruktur Ukraine fast vollständig zurück am Netz

Stand: 27.11.2022 15:38 Uhr

Ukrainische Trupps haben einen Großteil des von Russland zerstörten Stromnetzes repariert. Auch bei der Versorgung mit Wasser und Wärme gibt es Fortschritte. Weiterhin kritisch ist die Lage in Cherson, das erneut unter Beschuss steht.

Vier Tage nach schweren russischen Angriffen sind weite Teile der ukrainischen Strom- und Wasserversorgung wiederhergestellt. Etwa 80 Prozent der Nachfrage nach Strom würden derzeit gedeckt, erklärte der staatliche Energieversorger Ukrenergo. Tags zuvor waren es noch 75 Prozent gewesen.

Auch in der Hauptstadt Kiew würden fast alle Haushalte wieder mit Strom, Wasser und Wärme versorgt und das Mobilfunknetz funktioniere, teilte die Militärverwaltung im Nachrichtenkanal Telegram mit. Die Reparaturarbeiten am Stromnetz befänden sich in der Endphase. Aufgrund der hohen Belastung könne es noch zu lokalen Ausfällen kommen.

Kritik von Präsident Selenskyj

Wegen der tagelangen Stromausfälle in Kiew hatte zuvor Präsident Wolodymyr Selenskyj Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko ungewöhnlich offen kritisiert. Viele Bürger der Hauptstadt hätten bis zu 30 Stunden ohne Strom auskommen müssen, sagte Selenskyj. Außerdem gebe es zu wenige Wärmestuben in der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole.

Klitschko warnte daraufhin vor politischem Streit und rief zu Zusammenhalt auf. Der ehemalige Box-Weltmeister versicherte in der "Bild am Sonntag", dass in "Rekordtempo" an der Wiederherstellung der Stromversorgung gearbeitet werde. Die Stadt habe mittlerweile Wasser und bei 95 Prozent der Haushalte funktioniere die Heizung wieder. "Wir arbeiten weiter 24/7 für die Menschen", so Klitschko.

Cherson: Fünf Prozent der Stadt mit Strom versorgt

Im von der Ukraine zurückeroberten Gebiet Cherson ist die Lage kritischer. Dort seien fünf Prozent der Wohnungen wieder ans Stromnetz angeschlossen, teilte die Militärverwaltung mit. Auch ein Krankenhaus habe wieder Strom. Während Trupps die Infrastruktur reparierten, greife die russische Armee jedoch weiter an. Mehr als fünfzigmal sei das Gebiet beschossen worden.

Militärgouverneur Jaroslaw Januschewitsch warf Russland Terror und gezielte Angriffe auf Zivilisten vor. Im Nachrichtenkanal Telegram berichtete er von einem Toten und zwei Verletzten. Granaten hätten auch Wohnhäuser getroffen.

Konfliktparteien als Quelle

Angaben zu Kriegsverlauf, Beschuss und Opfern durch offizielle Stellen der russischen und der ukrainischen Konfliktparteien können in der aktuellen Lage nicht unmittelbar von unabhängiger Stelle überprüft werden.

Evakuierungszüge stehen bereit

Zahlreiche Bewohner Chersons fliehen angesichts des russischen Bombardements. Rund 100 Menschen verließen die Stadt bereits, sie wurden nach Chmelnyzkij in den Westen des Landes gebracht. Weitere Evakuierungszüge stünden bereit, sagte die Leiterin der Militärverwaltung von Cherson, Galina Lugowa.

Zudem seien Schutzräume in allen Bezirken der Stadt eingerichtet worden. Dort gebe es Kochmöglichkeiten, Betten, Erste-Hilfe-Kästen und Feuerlöscher. "Alles, was man braucht", sagte sie. "Wir bereiten uns auf einen Winter unter schwierigen Bedingungen vor, aber wir werden alles tun, um den Menschen Sicherheit zu bieten", sagte Lugowa.

Ihre größte Sorge sei das Bombardement, das jeden Tag stärker werde. Der Einwohner Witalij Nadotschij sagte, er habe keine andere Wahl, als die Stadt zu verlassen. Vorgestern habe Artillerie sein Haus getroffen. Vier Wohnungen seien ausgebrannt, die Fenster zersplittert. "Wir können dort nicht bleiben. Es gibt keinen Strom, kein Wasser, keine Heizung. Wir fahren zu meinem Bruder."

Angriffe im Osten und Westen der Ukraine

In der ostukrainischen Region Donezk kamen laut Gouverneur Pawlo Kyrylenko im Verlauf des vergangenen Tages fünf Menschen bei Beschuss ums Leben. Angriffe in der Nacht zum Sonntag meldeten auch die Regionalverwaltungen von Saporischschja und Dnipropetrowsk im Westen des Landes.

Der Gouverneur von Charkiw, Oleh Synjehubow, erklärte, in seiner Region sei ein Mensch getötet worden, drei weitere seien verletzt worden.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 26. November 2022 um 04:30 Uhr.