Menschen sitzen nach ihrer Impfung im Ruhebereich des Impfzentrums in Rennes, Frankreich | AFP

Reaktionen auf Macron-Rede Ansturm auf die Impftermine

Stand: 13.07.2021 13:32 Uhr

Eine Impfpflicht für das Pflegepersonal und Tests oder andere Nachweise für den Einlass in viele Einrichtungen - auf die angekündigten Einschränkungen in Frankreich folgt ein Rekord-Ansturm auf Impftermine.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Das gab es noch nie. Ein Rekordwert bei den Impfanmeldungen. Über 20 Millionen Franzosen haben gestern die Rede ihres Präsidenten verfolgt und viele von ihnen gehandelt, wie der Mitbegründer der Webseite Doctolib, Stanislas Niox-Chateau bestätigt: "926.000 Franzosen haben noch gestern Abend auf Doctolib einen Impftermin gebucht. 7,5 Millionen Mal wurde unsere Webseite während der Macron-Rede und in den Stunden danach angeklickt." Zweidrittel der Rendezvous hätten unter 35-Jährige gebucht, fügt Niox-Chateau hinzu. Das sei aber auch logisch. "Denn 80 Prozent der über 50-Jährigen sind geimpft."

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Zuvor hatte Präsident Emmanuel Macron erklärt, ein neuer Wettlauf mit der Zeit habe begonnen. "Ein Sommer der Mobilisierung für das Impfen. Darauf müssen wir abzielen." Die Impfung wird nun für Mitarbeiter im Gesundheitsbereich Pflicht. Bis Mitte September haben Angestellte in Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie Arbeitskräfte mit Kontakt zu Risikopatienten dafür Zeit. Und dann?

Ungeimpfte können entlassen werden

Ab 15. September würden die Arbeitgeber, die Krankenkassen und Gesundheitsbehörden Kontrollen durchführen, erklärt Gesundheitsminister Olivier Véran. Sei jemand nicht regelkonform, könne er auf unbezahlten Urlaub gesetzt werden. "Er wird nicht mehr bezahlt, darf nicht mehr in Kontakt mit Patienten arbeiten, ohne dabei entlassen zu werden." Das neue Gesetz, das dem Parlament vorgelegt werde, sehe bis zu anderthalb Monate bis zu einer neuen Prüfung vor. "Ist der Betroffene weiterhin ungeimpft, kann er entlassen werden", so Véran.

In Pflegeheimen und Krankenhäusern haben erst rund zwei Drittel des Personals mindestens eine Dosis erhalten. Mögliche Sanktionen betreffen demnach 1,5 Millionen Menschen. Dabei werden schon jetzt Pflegekräfte händeringend gesucht.

"Ich will mich nicht impfen lassen, weil ich dem Impfstoff nicht vertraue", sagt eine Frau in einer ersten Reaktion. Eine andere stellt sich die Frage: "Was ist, wenn ich ein Kind bekommen möchte? Beeinflusst das nicht die Gesundheit des Kindes?" Man dürfe niemanden zur Impfung zwingen, sagt eine Pflegekraft. "Ich wechsle dann lieber den Beruf. Ich habe Familienmitglieder, die in dem Bereich arbeiten. Sie wollen gehen. Nur deshalb."

In einigen Regionen wieder Inzidenzen über 50

Die andere Seite der Medaille bestätigt ein Intensivmediziner im Hospital Avicenne in Bobigny im französischen Fernsehen: Keiner seiner Intensivpatienten sei geimpft. Die Delta-Variante überwiegt in Frankreich, die Inzidenzen steigen und überschreiten in einigen Regionen bereits wieder die 50er Marke. Präsident Macron verschärft deshalb zudem die Corona-Regeln.

Vom 21. Juli an wird im Kino oder im Theater ein negativer Corona-Test, ein Impf- oder Genesungsnachweis notwendig. Das gilt, sobald mehr als 50 Menschen zusammenkommen. Derzeit ist ein Nachweis erst bei mehr als 1000 Menschen Pflicht.

Ab August soll ein Nachweis auch in Fernzügen, Bars, Restaurants, Einkaufszentren, beim Besuch in Krankenhäusern und Pflegeheimen verpflichtend sein. Dafür muss ein Eilgesetz verabschiedet werden. Das sei die Hölle im Alltag, so eine Schlagzeile im französischen Nachrichtenfernsehen.

Und auch der Generaldirektor der Kinokette CGR Cinémas, Jocelyn Bouyssy freut sich nicht. Im Gegenteil: "Ich bin wütend. Ich habe schlecht geschlafen. Die Kultur wird ab nächster Woche wieder in erster Linie betroffen sein. Das ist ein schwerer Schlag!"

Impfen soll auch Wirtschaftswachstum sichern

Macron hat in seiner Rede eine generelle Impfpflicht nicht ausgeschlossen. Das könnte ihm politisch auf die Füße fallen, so gerechtfertigt es aufgrund der Pandemie laut Behörden auch sei. Denn letzten November erklärte Frankreichs Staatschef noch, er werde die Impfung nicht zur Pflicht machen.

Nächstes Jahr stehen Präsidentenwahlen an. Macron bekräftigte in seiner Rede seinen Reformwillen. Eine von den Gewerkschaften bekämpfte neugestaltete Arbeitslosenversicherung komme, die Rentenreform aber gehe man erst an, wenn man Corona im Griff habe. Dafür soll es laut Macron im neuen Schuljahr auch eine Impfkampagne für Schülerinnen und Schüler geben. Ohne erfolgreiches Impfen stünden sechs Prozent Wirtschaftswachstum und letztlich die Zukunft Frankreichs auf dem Spiel.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. Juli 2021 um 12:00 Uhr.