Der ukrainische Holocaust-Überlebende Valery Benderski spielt Gitarre. | Tim Aßmann

Holocaust-Überlebender in Israel Neue Heimat nach der zweiten Flucht

Stand: 28.04.2022 03:58 Uhr

Mehr als 24.000 Menschen sind seit Kriegsbeginn nach Israel geflohen - unter ihnen auch Holocaust-Überlebende wie Valery Benderski. Er denkt in Liedern an seine Heimat Charkiw zurück.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

"Wir sind Flüchtlinge", singt Valery Benderski. "Mit Furcht in unseren Herzen flohen wir vor Putin, so wie ich zuvor vor Hitler floh." Von Freunden, die ihm nun in der Not beistanden, berichtet der alte Mann gitarrespielend in seinem Lied - und davon, dass er diese Hilfsbereitschaft nie vergessen werde.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Benderski sitzt im noch spärlich eingerichteten Wohnzimmer seiner neuen Wohnung in Petah Tikva nahe Tel Aviv. Vom alten Leben in Charkiw in der Ostukraine ist dem 85-Jährigen nicht viel geblieben. Aus ihrer gemeinsamen Wohnung flüchteten seine Tochter und er in den ersten Stunden nach Kriegsbeginn, erzählt er: Schon vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine hätten sie über einen möglichen Krieg gesprochen und beraten, was sie dann tun würden.

Als dann die ersten Raketen in der Umgebung einschlugen und sie weckten, nahmen sie nur die Katze, ihre Pässe und etwas Geld. Für mehr reichte die Zeit nicht. Sie wollten weg. Die Flucht führte zunächst in die Westukraine; später ging es dann nach Warschau. Dort kümmerte sich die israelische Einwanderungsorganisation Jewish Agency um sie und arrangierte den Flug nach Israel.

Nur wenige Nachrichten aus Charkiw

Benderski kennt das Land von Besuchen. Sein Bruder und seine Enkelin leben schon seit Jahren hier. Nach ihrer Ankunft wurden Benderski und seine Tochter zunächst in einem Hotel im Küstenort Netanja untergebracht. Er schwärmt vom guten Essen dort und ist immer noch überwältigt von der Hilfsbereitschaft. Aus Charkiw hat er nur wenige Informationen: Alle seine Freunde und Bekannten seien geflohen. Über Umwege hat Benderski erfahren, dass das Gebäude in dem seine Wohnung ist, getroffen wurde. In welchem Zustand sein ehemaliges Zuhause ist, weiß er nicht.

Für Benderski ist es die zweite Flucht vor Bomben in seinem Leben: 1941 flüchtete seine Mutter mit den zwei Söhnen vor der deutschen Wehrmacht aus Charkiw nach Kasachstan. Nun, als alter Mann, musste der Holocaust-Überlebende erneut fliehen.

Er erzählt von seinem Bruder, der seit vielen Jahren in Israel lebt. Als der Krieg sich abzeichnete, sprachen beide darüber, welcher Schicksalsschlag es wäre, nun erneut flüchten zu müssen, sein Zuhause zu verlieren. Er könne sich das nicht erklären, sagt Benderski. Vielleicht habe Gott ja eine Antwort.

"Die Gefühle von damals kommen wieder"

In Israel helfen Behörden und verschiedene Organisationen Flüchtlingen wie Benderski - eine davon ist die "World Jewish Restitution Organization", die sich um die Ansprüche von Holocaust-Überlebenden und deren Entschädigung kümmert. Der Israel-Direktor der Organisation, Nachliel Dison, hält Kontakt zu Valery und seiner Familie. "Wir wissen nicht genau, wie es weitergehen wird und ob wir ihm helfen können", sagt er. "Aber anderen haben wir geholfen, damit sie nicht einen weiteren Schlag erleiden. Der erste Schlag war der Holocaust und nun verlieren sie wieder."

Benderskis Liedvortrag auf der Gitarre hat ihn nachdenklich gemacht. "Auch wenn er damals ein Kleinkind war, sind diese Erinnerungen ein tiefer Bestandteil von ihm, von seiner Seele. Das zeigen seine Lieder", sagt er. "Er verbindet darin Vergangenheit und Gegenwart. Es ist eine Geschichte. Seine Geschichte. Die Gefühle von damals kommen wieder. Vielleicht in anderer Form, aber sie sind da."

Valery Benderski | Tim Aßmann

"Hier fühle ich mich wie unter meinem eigenen Volk", sagt Valery Benderski über seine Zuflucht in Israel. Ob er jemals nach Charkiw zurückkehren kann, weiß er nicht. Bild: Tim Aßmann

Insgesamt sind seit Kriegsbeginn rund 24.000 Menschen aus der Ukraine, aber auch aus Russland nach Israel gekommen. Knapp 9000 jüdische Flüchtlinge aus der Ukraine haben bereits einen offiziellen Einwanderungsantrag in Israel gestellt. Denkt Valery Benderski, dass er jemals zurück kann nach Charkiw? Zunächst habe er diesen Wunsch gehabt, sagt der hagere Mann mit dem dichten weißen Haar. Nun aber glaube er nicht mehr, dass das bald oder überhaupt jemals wieder möglich sein werde. Dann erzählt er von der herzlichen Aufnahme in Israel und sagt: "Hier fühle ich mich wie unter meinem eigenen Volk."

In seinem Lied singt Benderski davon, wie er herumirrte und in Israel mit Liebe und Sonnenstrahlen aufgenommen wurde. Nach der zweiten Flucht in seinem Leben fühlt er sich nun in Petah Tikva sehr wohl.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. April 2022 um 14:22 Uhr.