Ein Mann steht mit einem leeren Trinkbecher vor dem Uhrenturm Big Ben. | dpa

Temperaturen über 40 Grad Wie die Briten mit der Hitze kämpfen

Stand: 20.07.2022 10:33 Uhr

Erstmals seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Großbritannien ist es dort heißer als 40 Grad gewesen. Im ganzen Land gibt es dadurch Probleme. Doch in der politischen Debatte spielt der Klimaschutz derzeit eine Nebenrolle.

Von Mareike Aden, ARD-Studio London

Die Hitzewelle und ihre Folgen sind pausenlos ganz vorne in den Nachrichten. So meldet etwa die BBC: "Historische Temperaturen Tag und Nacht". Erstmals seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Großbritannien ist es am Dienstag heißer als 40 Grad Celsius gewesen. In der ostenglischen Grafschaft Lincolnshire wurden am Nachmittag 40,3 Grad gemessen, so der Wetterdienst Met Office. Am Londoner Flughafen Heathrow und im St. James' Park im Regierungsviertel waren es 40,2 Grad. In der englischen Küstenstadt Blackpool ist zumindest das Wasser nah.

Sie habe mehrmals Wasser über ihren Kopf geschüttet, erzählt eine Frau. Sie springe immer wieder ins Meer, um sich abzukühlen. "Es ist sehr sehr heiß. Und das verschlimmert meine Atemprobleme. Es ist wirklich schwierig, vor allem in der Stadt. Es klingt verrückt, aber sogar der Wind ist heiß. Es weht kein kühler Wind", berichtet sie.

Folgen der Hitze überall zu spüren

Landesweit ertrinken mehrere Menschen beim Versuch, sich im Wasser abzukühlen. Und Folgen der Hitze sind in allen Bereichen zu spüren: Es gibt Störungen im Gesundheitswesen und in den Schulen. Landesweit fahren Züge langsamer oder werden ganz gestrichen. Network Rail-Sprecher Kevin Groves verteidigt die Maßnahme, hofft, dass der Zugverkehr sich nun wieder normalisiert. Und blickt in die Zukunft.

In jedem Land sei der Schienenverkehr so ausgelegt, dass er mit Temperaturen auf einer Skala von etwa 45 Grad zurechtkomme, erklärt Groves. In Großbritannien seien das demnach minus 10 bis etwa plus 35 Grad. "Vielleicht müssen wir sie in Zukunft anders bauen, für Sommer, die heißer, und für Winter, die milder werden. Aber noch ist es ein wenig früh für eine solch große Entscheidung", sagt der Bahnsprecher.

Großschadenslage ausgerufen

Auch die die Feuerwehr London muss reagieren und ruft am Dienstagnachmittag eine Großschadenslage aus. Denn im Großraum London kommt es zu mehreren Bränden. 16 Feuerwehrleute werden verletzt. Angesichts solcher Großeinsätze appelliert Jonathan Smith von der Londoner Feuerwehr: "Es gibt keinen Zweifel, dass dies eine nie dagewesene Hitzewelle ist. Unsere Ressourcen sind überall in der Hauptstadt im Einsatz, das gilt für alle Rettungsdienste. Wir werden weiterhin alle Notrufe beantworten. Aber rufen Sie uns bitte in wirklichen Notfällen an." Am Ende hatte es mehr als 1000 Notrufe gegeben. Am bislang heißesten Tag Großbritannien wurden 16 Feuerwehrleute verletzt.

Aber nicht alle wollen vom Zusammenhang zwischen Hitzewelle und Klimawandel hören oder halten es für übertrieben. So titelt die rechtskonservative Boulevardzeitung Daily Mail: "Sunny Day - Snowflake Britan had a meltdown", was auf deutsch etwa bedeutet: "Ein sonniger Tag - und das Schneeflocken-Großbritannien hat einen Zusammenbruch". Schneeflocke ist dabei eine polemische Bezeichnung, die unterstellt, zu sensibel zu sein. Hitze sei doch nichts Neues, so die Zeitung.

Klimaschutz bei den Konservativen nicht im Fokus

Im Kabinett erinnert Noch-Premier Boris Johnson an das britische Ziel zur Klimaneutralität bis 2050. Das Net-Zero-Ziel fixierte die konservative Partei schon unter Theresa May als Gesetz. "Wer kann jetzt noch Zweifel haben, dass es richtig war, dass wir uns als erste große Industrienation zur Klimaneutralität verpflichtet haben", sagt Johnson. Was Großbritannien bei der internationalen Klimakonferenz COP im November erreicht habe, sei "sehr wichtig für die Welt".

Doch bei den Kandidaten für Johnsons Nachfolge hat das Handeln gegen den Klimawandel keine Priorität, wie die TV-Debatten zeigen. Und laut Umfragen spielt das Thema für die konservative Basis, die am Ende über den Premier entscheidet, nur eine untergeordnete Rolle. Und so gibt es ausgerechnet in diesen Tagen Grund zur Sorge, dass es in der britischen Klimapolitik sogar Rückschritte geben könnte.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juli 2022 um 20:00 Uhr.