Menschen stehen Schlange, um von Queen Elizabeth II. Abschied zu nehmen. | REUTERS

London Schlangestehen für die Queen

Stand: 15.09.2022 02:33 Uhr

Gefühlt ganz Großbritannien steht derzeit vor der Westminster Hall, um von Queen Elizabeth II. Abschied zu nehmen. Viele tun das aus Pflichtbewusstsein - und weil man das als Brite eben so macht.

Von Imke Köhler, ARD-Studio London

Die Briten sind berühmt für ihr "Queuing", ihre disziplinierte und geduldige Art, Schlange zu stehen. Seit gestern Abend ist dies in London wieder zu bewundern, in ganz neuer Größenordnung. Die Briten stehen an, um in der Westminster Hall am Sarg der Queen vorbeizudefilieren.

Denise, die ihr Buch dabeihat und das Warten zum Lesen nutzt, findet den Zustand sehr amüsant: 

Wir stehen in einer Schlange, und es ist so urkomisch britisch. Die Schlange ist Meilen hinter uns und Meilen vor uns, aber wir stehen hier einfach alle. Ich glaube nicht, dass das irgendjemandem etwas ausmacht.

Denise hat Sandwiches und eine Jacke dabei und ist tiefenentspannt: "Ich warte hier wahrscheinlich bis Mitternacht oder ein Uhr oder zwei Uhr morgens. Aber das ist es wert."

Mischung aus Heiterkeit und Traurigkeit

Es ist eine Mischung aus Heiterkeit und Traurigkeit in dieser Schlange. Manche unterhalten sich lebhaft mit den Wartenden vor und hinter ihnen, auch wenn man sich bisher gar nicht kannte.

Andere sind eher etwas in sich gekehrt. Richard trägt ein T-Shirt mit Union Jack. Warum er gekommen ist? "Um der Queen Respekt zu zollen…", sagt er. Dann verschlägt es ihm die Sprache. Elizabeth II. sei die einzige Monarchin gewesen, die er gekannt habe. Er wolle einfach Danke sagen.

"Fühlt sich so an, als ob jeder etwas verloren hat"

Den zwanzigjährigen Ed aus Schottland bringt der Tod der Queen nicht aus der Fassung. Aber es ist für ihn eine Selbstverständlichkeit, hier zu sein:

Ich würde es hassen, ein Machthaber zu sein. Das wäre fürchterlich, wenn man sein ganzes Leben seinem Land opfern muss. Aber die Queen hat es getan, und sie hat so viel für unser Land getan. Da ist es doch nur angebracht, dass wir für fünf Stunden anstehen, wenn sie 70 Jahre ihres Lebens gegeben hat. Das ist doch nur anständig, dass wir das tun.

Die 28-jährige Holly empfindet eine innere Verbundenheit. Sie sagt über die Queen:   

Sie ist England, sie ist britisch. Ich weiß nicht wirklich, wie ich das erklären soll. Es fühlt sich so an, als ob jeder etwas verloren hat.

"Die Oma Europas"

Andere sprechen von Identität und davon, dass die Queen ein Teil ihrer DNA sei. Selbst Niklas, ein 25-jähriger Deutscher aus Hannover, der erst seit dem vergangenen Jahr in London ist, beschreibt die Bedeutung der Queen ähnlich:

Ich glaube, das war eine ganz tolle Identifikationsfigur. Für mich irgendwie auch ein bisschen die Oma Europas, die Oma der Welt, die einem persönlich Stabilität gegeben hat und mir persönlich auch das Gefühl, in London anzukommen und Teil dieser Identität zu sein.“ 

Niklas sitzt mit seiner brasilianischen Freundin Barbara auf einer Mauerkante, denn die Schlange bewegt sich gerade nicht vorwärts. Barbara kramt in ihrer Tasche. "Wir haben Wasser. Wir haben gerade schon die Packung Bahlsen aufgegessen, ein Kissen…."

Warten, so lange es dauert

Fast alle in der Schlange sind vorbereitet. In den Rucksäcken und Taschen finden sich Regenjacken, Pullis, kleine Isomatten, Energydrinks und Snacks. Wer nichts dabei hat, kann das Nötigste in den Geschäften entlang der Warteschlange kaufen oder in den Cafeterien öffentlicher Gebäude, denn die dürfen in diesen Tagen länger geöffnet bleiben.

Für die meisten Wartenden ist klar, dass sie so lange anstehen werden, wie es eben dauert. Die Menschen in dieser Warteschlange wollen den großen historischen Moment nicht nur beobachten. Sie wollen ein Teil von ihm sein.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 14. September 2022 um 22:15 Uhr.