Chelsea-Spieler Havertz kniet vor dem Beginn des Super Cups zwischen seinem Verein und Villareal in Belfast (Nordirland) | AP

Premier League Die Buh-Rufe hören nicht auf

Stand: 13.08.2021 04:57 Uhr

Spätestens die Ereignisse rund um das EM-Finale haben gezeigt: Englands Fußball hat ein Rassismus-Problem. Und kurz vor dem heutigen Start der Premier League gab es erneut Vorfälle. Wie reagiert die Liga?

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Beim Supercup-Finale Chelsea gegen Villarreal wurde es erneut deutlich: Im englischen Fußball gibt es eine Auseinandersetzung um Rassismus - genauer: um das Zeichen für Gleichberechtigung und gegen Rassismus, das viele Spieler seit Monaten setzen. Als die Spieler von Chelsea am Mittwochabend vor dem Spiel niederknieten, buhten zahlreiche Fans lautstark, wie in der Übertragung der British Telecom zu hören war.

Christoph Prössl ARD-Studio London

In England gibt es eine breite Debatte um das Knien. Im Mai veröffentlichte die Vereinigung der Spieler der Premier League einen Bericht, der das Ausmaß rassistischer Übergriffe im Netz deutlich machte. 44 Prozente aller Spieler seien schon beleidigt worden - eine deutliche Zunahme. Und nach dem Endspiel der Fußball-Europameisterschaft erlebten die drei schwarzen englischen Nationalspieler Marcus Rashford, Jadon Sancho und Bukayo Saka einen regelrechten Shitstorm, weil sie beim Elfmeterschießen nicht trafen.

Appell an die Konzerne und die Politik

Die britische Football Association geht das Thema an, sieht aber vor allem auch Konzerne und Politik in der Pflicht. Im Interview mit dem ARD-Studio London sagte die Direktorin für Diversität und Inklusion, Edleen John:

"Aus meiner Sicht tun Twitter, Facebook, Instagram und andere Plattformen nicht genug, um die Übergriffe einzudämmen. Solche Nachrichten müssen gelöscht werden, bevor sie online gehen. Und die Konzerne sollten Maßnahmen ergreifen, die deutlich machen: Wer Hassnachrichten postet, muss mit Konsequenzen rechnen. Nicht nur eine vorübergehende Sperre, sondern dauerhaft.

Versuch einer demonstrativen Pause

Im Frühjahr versuchten bereits einige Vereine, den Druck zu erhöhen, indem sie eine Social-Media-Pause machten. So sollten die Plattformen dort getroffen werden, wo sie empfindlich sind: Wenn Fußball bei ihnen nicht mehr stattfindet, sinken auch die Nutzungszahlen. Der Verband Football Association unterstützte das Vorgehen. Und die Regierung arbeitet gerade an einem neuen Gesetz, um Hassbotschaften und Rassismus im Netz einzudämmen und besser strafrechtlich verfolgen zu können.

Doch der Gesetzesvorschlag geht nicht weit genug, sagt Edleen John von der Football Association:

Wir brauchen einen Faktencheck und Anonymität muss unmöglich werden. Das sind ja die Voraussetzungen für Beleidigungen. Da werden Profile eingerichtet Hassbotschaften versendet und wieder gelöscht. Und das innerhalb von Minuten. Das muss angegangen werden. Im Moment sehen wir, dass dieses Problem der Anonymität in der Gesetzgebung längst noch nicht angegangen wurde.

Nur ein kleiner Teil wird aufgegriffen

Wie groß das Problem ist, zeigen die Ermittlungen einer Sondereinheit der Polizei nach dem Endspiel der Fußball-Europameisterschaft. 207 Beiträge wurden als kriminell eingestuft, 34 der Absender sind Personen aus Großbritannien, es gab elf Festnahmen. Aus Sicht von Edleen John ein starkes Signal, dass Hassbotschaften nicht ohne Konsequenzen bleiben. Es lässt sich aber auch aus den Zahlen schlussfolgern: Ermittelt wird am Ende nur gegen wenige Personen, die ausfindig gemacht werden konnten.

Rassismus sei ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, beteuert John. Der Fußball sei ein Spiegel der Gesellschaft. Sie fordert, bereits in der Erziehung Rassismus vorzubeugen.

Bukayo Saka, einer der drei Nationalspieler, die im Shitstorm standen, erfuhr nach dem Finale gegen Italien aber auch viel Zuspruch. In einer Mitteilung bedankte er sich und schrieb: "Das ist es, worum es beim Fußball geht. Begeisterung, Menschen aller Rassen, jeden Geschlechts und jeder Religion kommen zusammen, weil sie die Freude am Sport teilen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 13. Juli 2021 um 07:37 Uhr.