Ein Stromzähler, eine Stromrechnung und einige britische Geldscheine. | picture alliance / Xinhua News A

Energiepreise in Großbritannien "Heize ich? Dann gibt's weniger zu essen"

Stand: 01.04.2022 16:31 Uhr

Steigende Lebenshaltungskosten machen den Briten zu schaffen: Strom, Benzin und Gas zwingen sie zum Sparen. Premier Johnson will unter anderem die Atomenergie ausbauen - doch kurzfristig hilft das wenig.

Von Christoph Prössl, ARD-Studio London

Sarah aus Birmingham hat zwei Kinder, lebt von Sozialhilfe. Pro Woche zahlt sie für Strom und Gas jetzt schon knapp 80 Euro. Für die Sozialhilfeempfängerin heißt das: Energiearmut. An einem Abend habe ihre Tochter gesagt, es sei so kalt, erzählt Sarah - "also musste ich entscheiden: heize ich? Dann gibt es weniger zu essen." Sarah drehte die Heizung auf.

Christoph Prössl ARD-Studio London

Von heute an werden die Preise für Gas und Strom noch weiter steigen. Eine staatliche Regulierungsbehörde hebt die Preisobergrenze für Versogungsunternehmen an, weil die Weltmarktpreise massiv gestiegen sind. Ein durchschnittlicher Haushalt wird dann um die 2400 Euro jährlich für Strom und Gas bezahlen, etwa 850 Euro mehr als bislang. Experten befürchten, dass 1,3 Millionen Menschen deswegen in die Armut abrutschen.

Großbritannien erlebt eine Krise der Lebenshaltungskosten. Premierminister Boris Johnson weiß, dass er gegen die hohen Strom-, Benzin- und Gaspreise kurzfristig nur sehr wenig tun kann. Die Regierung kündigte Hilfen an, senkte beispielsweise die Benzin-Steuer. Johnson arbeitet an einem Energie-Plan, der in den kommenden Tagen vorgelegt werden soll, um Preise zu senken und die Abhängigkeit von russischem Gas zu reduzieren.

Atomenergie, Öl und Gas selbst fördern

Nach einem Gespräch mit Investoren und Energie-Konzernen wurde bekannt, dass Johnson neue Atomkraftwerke bauen lassen möchte. Ein Viertel des Strombedarfs soll ab 2050 aus Atomenergie gewonnen werden; derzeit sind es 16 Prozent.

Der Wirtschaftswissenschaftler Dieter Helm, der an der Universität Oxford zu Energiemärkten und dem Wandel hin zu Erneuerbaren Energien forscht, warnt vor allzu ehrgeizigen Plänen: Die einstige Premierministerin Margaret Thatcher habe zu Beginn ihrer Amtszeit angekündigt, zehn neue Atomkraftwerke zu bauen, eines pro Jahr. Nach 14 Jahren sei der erste Reaktor fertig gestellt worden. Man solle nicht zu ambitioniert planen, folgert Helm.

Johnson kündigte ebenfalls an, wieder mehr Gas und Öl in der Nordsee zu fördern. Umweltschützer kritisieren das. Helm befürwortet hingegen die Förderung: "Die britische Wirtschaft - wie die deutsche auch - ist zu 80 Prozent abhängig von fossilen Energieträgern. Solange wir das nicht ändern, ist es Unsinn, Gas nicht zu fördern und zu sagen: Das importieren wir."

Gaspreise lange zu niedrig kalkuliert

Johnson will aber auch die erneuerbaren Energien massiv ausbauen. Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng verhandelt mit Unternehmen, wie die Fläche der installierten Solarstromanlagen vervielfacht werden kann. An der britischen Küste werden Windkraftanlagen installiert, auch auf dem Land sollen weitere Windparks entstehen. Die Pläne rufen Widerstand bei Abgeordneten hervor, die den Zorn der Wählerinnen und Wähler fürchten.

Viel zu lange seien die Regierungen von niedrigen Gas-Preisen ausgegangen, klagt der Wirtschaftswissenschafter Helm. Gas sei aber für den Übergang hin zu einer CO2-neutralen Wirtschaft kaum ersetzbar. Einkommensschwache Familien müssten unterstützt werden: "Wir sollten den Menschen von Anfang an die Wahrheit sagen. Wir zahlen die Rechnungen am Ende, weil wir eine moralische Pflicht haben, den Klimawandel aufzuhalten."

Kurzfristig müssten die Menschen Energie sparen. Die Temperatur in Gebäuden um zwei Grad zu senken, erziele schon eine große Wirkung. Klimaexperten kritisieren außerdem: die Regierung tue zu wenig, um die Isolierung von Wohngebäuden zu verbessern.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. April 2022 um 13:47 Uhr.