Viele Menschen auf einer Tanzfläche | dpa

England am "Freedom Day" Freiheit, Feiern, Infektionen

Stand: 19.07.2021 22:12 Uhr

Wann, wenn nicht jetzt? - Es ist das Versprechen von Freiheit, mit dem der britische Premier Johnson lockt. Die Corona-Auflagen sind fast vollständig gefallen - die Infektionszahlen hingegen steigen rasant.

Eigenverantwortung statt Vorschriften - unter diesem Credo sind in England seit heute weitgehende Lockerungen der Corona-Maßnahmen in Kraft. Masken sind nun an den meisten Orten freiwillig, ebenso das Abstandhalten. Es gibt keine Beschränkungen mehr für Clubs oder private Partys, auch Theater und Kinos dürfen ihre Säle voll besetzen.

"Wann sollten wir es tun, wenn nicht jetzt?", fragte Premierminister Boris Johnson bei einer virtuellen Pressekonferenz. Im Herbst oder Winter werde die Situation noch schwieriger sein. Schottland, Wales und Nordirland sind etwas vorsichtiger in ihrer Corona-Politik - sie entscheiden selbst über die Pandemie-Maßnahmen. Johnson ist in dieser Frage nur verantwortlich für England.

In London und anderen großen Städten begrüßten Tausende Feierwütige ihre neugewonnene Freiheit schon in den frühen Morgenstunden mit der ersten Clubnacht seit Monaten. Verpflichtende Corona-Impfnachweise für Clubs und andere Großveranstaltungen gibt es nicht - die will die britische Regierung erst ab dem Herbst verlangen.

Inzidenz bei fast 400

Doch der bei vielen langersehnte und von Johnson forcierte "Freedom Day" steht auf einem wackeligen Fundament: Die hochansteckende Delta-Variante lässt die Zahl der Corona-Infektionen in Großbritannien immer weiter ansteigen - ein Abflachen der Welle ist nicht in Sicht, die Sieben-Tage-Inzidenz wurde zuletzt mit 399 angegeben (Stand: 14. Juli). Fast täglich werden mehr als 50.000 neue Fälle registriert - beinahe so viele wie zum Höhepunkt der zweiten Welle zum Jahreswechsel.

Die Impfquote im Land ist zwar hoch - 88 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich haben eine erste Impfung erhalten, knapp 68 Prozent sind zweimal geimpft. Aber Experten zweifeln daran, ob das ausreichen wird, um einer großen Infektionswelle standzuhalten.

Regierungsberater korrigiert Angaben

Jugendliche sind beispielsweise kaum geimpft. Die britische Regierung folgte der Einschätzung der Impfkommission und sprach sich gegen eine generelle Impfempfehlung für Jugendliche aus. Regierungsberaters Patrick Vallance korrigierte auf Twitter eine Aussage vom Tage, dass inzwischen etwa 60 Prozent der ins Krankenhaus eingelieferten Corona-Infizierten vollständig geimpft seien. Vielmehr seien 60 Prozent der Corona-Patienten nicht geimpft.

Dem Epidemiologen Neil Ferguson vom Imperial College in London zufolge ist es "beinahe unausweichlich", dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 100.000 bald überschreitet. "Die echte Frage ist, ob es sogar doppelt so viel wird, oder sogar noch mehr", sagte Ferguson der BBC am Sonntag. Im schlimmsten Fall, wenn die Zahl der Krankenhauseinweisungen 2000 oder 3000 täglich erreiche, müssten doch wieder Maßnahmen ergriffen werden, um die Lage wieder in den Griff zu kriegen, warnte er.

1,7 Millionen Briten in Quarantäne - auch Johnson

Weitreichende Lockerungen bei hoher Impfquote, aber auch extrem hohen Infektionszahlen: Es ist ein Experiment, wie es in kaum einem Land in dieser Form probiert wurde. Bereits jetzt, noch weit vor dem mutmaßlichen Höhepunkt der aktuellen Welle, zeigt sich, dass Freiheit und Pandemie nicht so recht zusammenpassen wollen: Rund 1,7 Millionen Briten befinden sich einem Bericht zufolge derzeit in Quarantäne, weil sie als enge Kontakte von Infizierten durch die Corona-App "gepingt" oder vom Gesundheitsdienst angerufen wurden.

Das wird zum logistischen Problem: Weil Bahnfahrerinnen, Bedienungen oder Kassierer fehlen, mussten U-Bahn-Linien bereits zeitweise ihre Fahrten einstellen, erste Pubs wieder schließen oder Supermärkte Öffnungszeiten verkürzen. Wirtschaftsverbände fordern, die Pflichtquarantäne nach einem Kontakt mit Infizierten für Geimpfte durch tägliche Tests zu ersetzen - im Gesundheitsdienst ist dieses Prinzip bereits eingeführt worden. Johnson kündigte zudem Ausnahmen für Beschäftigte der kritischen Infrastruktur an.

Auch er selbst befindet sich derzeit für zehn Tage in Isolation, ebenso Finanzminister Rishi Sunak. Beide hatten zuvor Kontakt zum infizierten Gesundheitsminister Sajid Javid.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Juli 2021 um 16:00 Uhr.