Rentner auf der griechischen Insel Rhodos (Archivbild) | picture alliance / Rainer Hacken

Demografischer Wandel Griechenland bald "älteste Nation" Europas

Stand: 19.01.2022 10:36 Uhr

Nach Prognosen werden die Griechen bis 2030 die Italiener als "ältestes Volk" in der EU ablösen. Dem Land fehlen junge Menschen und ihr Nachwuchs. Auch eine Baby-Prämie scheint daran bislang nichts zu ändern.

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen

Die letzte große Auswanderungswelle begann im Jahr 2010. Wegen der Schuldenkrise verließen etwa eine halbe Million junger Griechinnen und Griechen ihre Heimat. Viele haben zunächst im Ausland studiert - und sind dann dort geblieben. "Wir müssen die Abwanderung unserer jungen Leute stoppen, denn sie sind wichtig für die Wirtschaft. Sie sind außerdem in dem Alter, Kinder zu bekommen", sagt Vyron Kotzamanis, Demografieforscher an der Universität Thessalien.

Verena Schälter

Griechenland fehlt der Nachwuchs

Griechenland hat also nicht nur potenzielle Fachkräfte verloren, sondern auch deren potenziellen Nachwuchs. Erschwerend kommt hinzu: Auch die Griechinnen und Griechen, die dageblieben sind, bekommen immer weniger Kinder. "Die Wirtschaftskrise hat einige negative Entwicklungen beschleunigt", sagt Kotzamanis. Während der Krise hätten viele junge Menschen in Bezug auf Kinder ähnlich reagiert, nämlich: "Das ist nicht die beste Zeit, um ein Kinder zu bekommen. Lass es uns auf später verschieben."

Im Jahr 2011 hatte es erstmals seit Jahrzehnten mehr Todesfälle in Griechenland gegeben als Geburten. Damals waren das aber gerade einmal gut 4500. Im Jahr 2020 waren dann jedoch knapp 46.000 mehr Menschen gestorben als geboren wurden. Und dieser Trend wird sich fortsetzen.

Drei ältere Männer mit FFP2-Masken sitzen auf einer Bank in Athen, Griechenland. | AP

In der griechischen Hauptstadt Athen leben etwa 3,1 Millionen Menschen, viele sind 65 Jahre oder älter. Bild: AP

Deutlich mehr Todesfälle als Geburten

Laut Prognosen der griechischen Statistikbehörde ELSTAT schrumpft die griechische Bevölkerung jedes Jahrzehnt um etwa 450.000. Der Altersdurchschnitt steigt immer weiter an. "Mehr als ein Viertel der Bevölkerung ist älter als 65 Jahre und in den nächsten 20 Jahren wird es ein Drittel sein", sagt Kotzamanis. "Diese Entwicklung gibt es schon seit dem Krieg, sie hat sich aber in den letzten 20 bis 30 Jahren beschleunigt."

Laut Hochrechnungen des statistischen Amtes der Europäischen Union (Eurostat) werden die Menschen in Griechenland die Italienerinnen und Italiener im Jahr 2030 als ältestes Volk der EU ablösen.

Kitaplätze, Elterngeld, Baby-Prämie

Die griechische Regierung unter dem amtierenden konservativen Ministerpräsidenten Kyriakos Mitsotakis versucht nun gegenzusteuern: Seit Anfang 2020 zahlt der Staat eine Prämie von 2000 Euro für jedes Neugeborene. Außerdem sollen 50.000 neue Kita- und Kindergartenplätze geschaffen werden. Beide Elternteile haben zudem nach der Geburt eines Kindes Anspruch auf vier Monate bezahlten Urlaub. Väter bekommen nach Geburt eines Kindes sechs Monate Kündigungsschutz.

Das Problem: Um bestimmte Maßnahmen in Anspruch nehmen zu können, braucht man erst einmal einen festen Job. Doch gerade die Jüngeren arbeiten häufig in prekären Arbeitsverhältnissen und haben - wenn überhaupt - oft nur befristete Arbeitsverträge. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei knapp 40 Prozent.

Gut zwei Drittel der Griechinnen und Griechen zwischen 18 und 34 Jahren leben noch bei ihren Eltern. "Wenn Sie sich Umfragen ansehen, werden Sie feststellen, dass die Griechen in Bezug auf ihre Zukunft zu den am wenigsten optimistischen Völkern gehören", sagt Kotzamanis. Es herrsche eine allgemeine Unsicherheit. "Heute habe ich einen Job, aber habe ihn morgen auch noch? Solange keine Maßnahmen ergriffen werden, um diese Situation umzuwandeln, wird sich nichts ändern."

Überalterung durch Migration stoppen

Wenn die Geburtenrate weiter niedrig bleibt und die Lebenserwartung weiter steigt, gefährdet das zunehmend die Rentensysteme. Die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die in die Kassen einzahlen, wird immer geringer.

Für Demografieforscher Kotzamanis steht fest: Aus demografischer Sicht, sagt er, sei Migration die einzige Möglichkeit, die negativen Folgen aufgrund der Überalterung abzufedern. Griechenland müsste ein Einwanderungsland werden.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 19. Januar 2022 um 12:25 Uhr.