Luftaufnahme der Insel Utöya | dpa
Reportage

Zehn Jahre Utöya-Attentat Die Insel nicht an den Terror verlieren

Stand: 22.07.2021 09:31 Uhr

Zehn Jahre ist es her, dass der Rechtsextreme Breivik 77 Menschen tötete. Noch heute streitet Norwegen über die richtigen Lehren aus dem Utöya-Attentat. Wie gehen Überlebende damit um?

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

Wer nach Utöya möchte, muss über das Wasser. Sindre Lysö steht am Tyrifjord und wartet auf die kleine Fähre, die ihn auf die Insel bringen soll. Sindre ist Generalsekretär der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF. Vor zehn Jahren stand der heute 25-Jährige auch hier. Er war Teilnehmer des damaligen Sommercamps.

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

"Zehn Jahre sind gleichzeitig kurz und lang", sagt er. "Kurz, weil man weiter mit seinen Sorgen und dem Leid lebt - damit, das Trauma zu bewältigen. Den 22. Juli tragen wir einfach mit uns herum. Aber es ist auch eine lange Zeit, weil sich viel verändert hat."

Die Fahrt auf die Insel dauert nur wenige Minuten. Schon kurz nach Ankunft ist das weiße Haupthaus auf der Insel zu sehen. Sindre zeigt uns den Hügel, auf dem in wenigen Tagen wieder hunderte Jugendliche sitzen werden und den Reden zuhören und diskutieren werden. Sindre plant das diesjährige Camp. Zehn Jahre nachdem hier 69 Kinder und Jugendliche kaltblütig von einem Rechtsextremisten erschossen wurden.

Sindre Lysö | Screenshot /ARD-Studio Stockholm

Sindre Lysö plant das diesjährige Camp auf der Insel. Aufklärung sei das Wichtigste, um Rechtsextremismus zu besiegen, sagt er. Bild: Screenshot /ARD-Studio Stockholm

Soll hier wieder gesungen und gelacht werden?

Lange hätten sie mit sich gerungen, ob hier je wieder gelacht und gesungen werden soll, erzählt Sindre. "Unsere Aufgabe ist es, an die zu erinnern, die wir damals verloren haben. Unsere Aufgabe ist aber auch, die gesellschaftlichen Tendenzen, die damals für den Anschlag verantwortlich waren, weiter zu bekämpfen. Deshalb klären wir über diesen Tag auf. Das ist die beste Weise, wie wir den Terrorismus und Rechtsextremismus besiegen können."

Am 22. Juli 2011 entzündete der rechtsextremistische Attentäter Anders Breivik eine Bombe im Osloer Regierungsviertel. Acht Menschen kamen hier ums Leben. Anschließend fuhr er als Polizist verkleidet weiter zur Insel Utöya. Auf der Insel eröffnete er sofort das Feuer. Die Jugendlichen alarmierten die Polizei, doch sie kam nicht.

Eineinhalb Stunden lief Breivik über die Insel und tötete. 69 Menschen starben auf der Insel. Neben der Polizeiarbeit wird auch kritisiert, dass sich der Attentäter über Jahre unbemerkt radikalisieren und die Anschläge planen konnte.

"So tolerant, dass wir alles akzeptiert haben"

Die Friedensforscherin Liv Törres war im Osloer Regierungsviertel, als dort die Bombe explodierte. Die Norwegerin arbeitet mittlerweile für die New York University und kritisiert, dass ihr Heimatland nicht die richtigen Lehren aus den Anschlägen gezogen hat.

"Wir haben die wichtige Aufarbeitung nie wirklich vollzogen", sagt sie. "Wir haben nicht über die Werte in unserer Gesellschaft gesprochen. Wir haben nicht darüber gesprochen, wie wir Rechtsextremismus langfristig stoppen wollen. Wir waren als Gesellschaft eigentlich so offen und tolerant, dass wir einfach alles akzeptiert haben."

Kamzy Gunaratnam | Screenshot /ARD-Studio Stockholm

Kamzy Gunaratnam hadert damit, dass viele in Norwegen das Kapitel Utöya abschließen möchten. Bild: Screenshot /ARD-Studio Stockholm

"Der Täter war ein Ergebnis unserer Gesellschaft"

Auch Kamzy Gunaratnam war damals auf Utöya. Als der Attentäter um sich schoss, sprang sie in den Fjord und schwamm um ihr Leben. Wir treffen Kamzy in Oslo. Mittlerweile ist sie die stellvertretende Bürgermeisterin Oslos. Im Herbst wird Kamzy Gunaratnam für die Arbeiderpartiet für das norwegische Parlament kandidieren.

"Die Anschläge waren ja keine zufällige Naturkatastrophe", sagt die 33-Jährige. "Der Täter war ein Ergebnis unserer Gesellschaft. Wir müssen eine Gesellschaft schaffen, in der sowas nicht mehr möglich ist."

Doch die Aufarbeitung tut weh. Und Kamzy und andere Überlebende müssen auch erleben, dass nicht jeder in Norwegen die alten Wunden aufreißen möchte. "Wenn man sowas erlebt, dann erwartet die Gesellschaft ab einem bestimmten Zeitpunkt auch, dass man jetzt mal damit abschließen muss. Die Menschen wissen aber nicht, was wir erlebt haben. Natürlich kann man sowas auch nach zehn oder 20 Jahren nicht abschütteln. Das Trauma bleibt."

Gedenkstätte für das Massaker auf der Insel Utöya (Norwegen) | EPA

Heute erinnert eine Gedenkstätte auf Utöya an das Massaker. Das "Hegnhuset" - zu Deutsch "Zaunhaus" - ist auch als Lernort konzipiert. Bild: EPA

Sommercamps als wichtiges Zeichen

Die Überlebenden gehen unterschiedlich damit um. Manche wollen nie wieder hierhin zurück - Johannes Dalen Giske schon. Vor zehn Jahren arbeitete er auf der Fähre, die den Attentäter nach Utöya brachte. Auf der Insel zeigt er uns den einzigen Ort, an dem die Spuren der Attentate noch zu sehen sind. Das "Zaunhaus" wie sie es nennen, ist heute ein Ort der Aufarbeitung.

Auf einer Tafel ist der SMS-Verkehr zwischen Eltern und ihrem Kind zu lesen. "Am Ende heißt es nur: Ruf mich an! Ruf mich bitte an! Bitte antworte mir doch endlich", erklärt Johannes. "Zu diesem Zeitpunkt war sie aber bereits tot. Das ist fürchterlich."

Ein solcher Ort des Trauerns und Gedenkens sei wichtig, sagt Johannes. Aber auch, dass es wieder Sommercamps auf der Insel gibt. Das sei ein wichtiges Zeichen, dass wir die Insel nicht an den Terror verloren haben.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau auf tagesschau24 am 22. Juli 2021 um 14:00 Uhr.