Herbert Kickl und Norbert Hofer auf einer Pressekonferenz in Wien im Jahr 2019 | picture alliance/dpa/APA
Analyse

FPÖ nach Hofer-Rückzug Was bleibt, sind Aversionen

Stand: 02.06.2021 17:22 Uhr

FPÖ-Chef Hofers Rücktritt hat Folgen für die Partei: Mit Kickl überlässt er seinem ärgsten Kontrahenten das Feld - und die FPÖ bleibt auf absehbare Zeit ohne Koalitionsoptionen zurück.

Von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Sie bildeten nach dem abrupten Ibiza-Absturz des langjährigen FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache im Sommer 2019 eine politische Erbengemeinschaft, die jetzt ebenso abrupt aufgelöst worden ist: Zermürbt von beständigen Attacken von Fraktionschef Herbert Kickl räumt Norbert Hofer nach zwei Jahren seinen Posten als FPÖ-Parteivorsitzender.

Clemens Verenkotte ARD-Studio Wien

Er überlässt mit Kickl seinem ärgsten Kontrahenten das Feld, der maßgeblich zu dem Rücktritt beigetragen hat und - wie die allermeisten in der FPÖ - vom Zeitpunkt der Entscheidung Hofers überrascht worden ist. Er wolle sich nicht ständig vorhalten lassen, dass er fehl am Platze sei, begründete Hofer seinen Schritt. Sein Weg sei nun zu Ende. "Kapitulation eines Demütigen" titelte die "Kleine Zeitung", Hofer sei auf offener Bühne "demontiert" worden.

Gezielte Provokationen

In aller Öffentlichkeit hatte Kickl über Wochen und Monate hinweg aus seinen Ambitionen keinen Hehl gemacht, der eigentliche Bannerträger der Rechtspopulisten zu sein. Maskenlos trat der ehemalige Innenminister der kurzlebigen Koalition mit der ÖVP bei Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen auf, an denen auch Rechtsextremisten teilnahmen. Auch Kickl selbst hetzte gegen Corona-Auflagen und empfahl seiner Fraktion, die Maskenpflicht im Parlament zu ignorieren, für die sich Hofer in seiner Funktion als einer der Vize-Parlamentspräsidenten eingesetzt hatte.

Als Kickl schließlich die vergangenen drei Wochen, in denen sich der gesundheitlich angeschlagene Hofer wegen eines Rückenleidens in eine Reha-Klinik zurückgezogen hatte, für weitere Attacken auf den erkrankten Parteikollegen nutzte, schien offenkundig das Maß des Erträglichen für den demoralisierten Parteichef erreicht. Kickl hatte unter anderem verlangt, Hofer müsse genauso wie Bundeskanzler Sebastian Kurz zurücktreten, sollten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu einer Anklage führen.  

Keine Koalitionsoptionen mehr

Mit dem Ende der bisherigen parteipolitischen Rollenverteilung zwischen Hofer und Kickl enden auch die möglichen Koalitionsoptionen der FPÖ auf absehbare Zeit: Hofer galt als bürgerliches Bindeglied zu den rechtskonservativen Wählerschichten.

Dass die Rechtspopulisten mit derzeit rund 20 Prozent Zustimmungswerten wieder in der Wählergunst stehen, wird jetzt in den politischen Nachrufen österreichischer Medien vor allem Hofer zugerechnet. Bereits im Dezember 2016 war Hofer bei den Präsidentschaftswahlen dem späteren Amtsträger Alexander Van der Bellen nur knapp unterlegen.

FPÖ-Fraktionschef Kickl wendet sich in einer Debatte im Nationalrat in Wien (Österreich) an Bundeskanzler Kurz | REUTERS

An Kanzler Kurz hat Kickl mittlerweile nur die eine Botschaft: Er müss abtreten. Bild: REUTERS

Dauerhafte Aversionen

Kickl hingegen war als früherer, langjähriger Vertrauter und Ideengeber Straches für die Abteilung Attacke zuständig: mit hetzerischen Parolen gegen Migranten, Ausländer und Muslime. Tief sitzen bei Kickl die persönlichen Animositäten gegen Kurz, den er für den Bruch der türkis-blauen Regierung im Mai 2017 verantwortlich macht.

Schließlich hatte Kurz nach dem Strache-Rücktritt verlangt, dass die FPÖ den damaligen Innenminister Kickl fallen lassen müsse, um die Koalition am Leben zu erhalten, da Kickl befangen sei. Die FPÖ lehnte dies ab. Der Rest ist jüngste österreichische Geschichte.

Bei Kickl, der nahezu jede Rede im Nationalrat zu kaskadenförmig herunterprasselnden Vorwürfen an die Adresse des Bundeskanzlers nutzt ("Kurz muss weg!"), sind dauerhafte Aversionen geblieben. Deshalb sind die Möglichkeiten der Rechtspopulisten auf Bundesebene äußerst gering, sollte die FPÖ Kickl zum neuen Parteichef küren. Das politische Tischtuch zwischen Kurz und Kickl ist zerschnitten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 01. Juni 2021 um 23:00 Uhr.