Tunnel im Endlager Eurajoki | ARD-Studio Stockholm
Weltspiegel

Finnland Endlager um die Ecke

Stand: 03.07.2022 11:23 Uhr

Der kleine Ort Eurajoki in Südfinnland bekommt ein Endlager für radioaktiven Abfall - die Bevölkerung unterstützt das. Über die Debatte, die in Deutschland geführt wird, wundert man sich dort.

Von Christian Blenker, ARD-Studio Stockholm

Die Geschichte der Atomkraft begann in Eurajoki vor über 40 Jahren. Vesa Lakaniemi, der Verwaltungschef der Gemeinde, zeigt auf die Bilder seiner Vorgänger, die im Flur vor seinem Büro hängen. Mitte der 1970er-Jahre stimmten sie dem Bau eines ersten AKW zu. Seitdem ist die Gemeinde, in der heute 9000 Menschen leben, zu einer Art nuklearem Vorzeigeort in Finnland geworden. "Das Vertrauen zwischen uns und den AKW-Betreibern wurde über Jahrzehnte aufgebaut. Und der Betreiber hat immer Wort gehalten", erzählt er.

Christian Blenker ARD-Studio Stockholm

Vertrauen. Dieses Wort nutzt Lakaniemi immer wieder. Es war die Grundlage dafür, dass die Gemeinde mit großer Mehrheit auch einem Endlager ganz in der Nähe zugestimmt hat.

Onkalo, zu deutsch kleine Höhle, nennen die Finnen ihr Endlager. Es ist auch der Arbeitsplatz von Jyrki Liimatainen. Der Geologe nimmt das ARD-Team mit unter die Erde. Hier unten soll der strahlende Müll eingelagert werden. Für immer. "Bald geht es los", sagt er. "Es wird dann 120 Jahre dauern, bis das Endlager voll ist."

Lehrmaterial für das Ausland

Besuch bekommen sie hier unten aus der ganzen Welt. Alle wollen wissen, wie Finnland das geschafft hat. 

Der Betreiber nimmt die Besucher dann immer mit in einen Vorführ-Tunnel. Hier zeigt Verwaltungschef Lakaniemi, dass die ausgedienten Brennstäbe in runden Löchern im Granitgestein enden werden. Insgesamt über 6000 Tonnen radioaktiver Müll. Verklappt in einem riesigen, unterirdischen Labyrinth. 

Stabile Temperaturen und harter Granit machten den Ort sicher. "Jetzt sind wir etwa 430 Meter tief", erläutert er. "Das reicht völlig für kommende Eiszeiten. Noch nicht einmal Permafrost käme dann so tief runter."

Karte Finnland Eurajoki und Helsinki

Staunen über Deutschland

Die Endlagerdiskussion in Deutschland haben sie auch hier verfolgt. Und dabei oft den Kopf geschüttelt. Wie viele Finnen hat auch Liimatainen einen pragmatischen Blick auf Atomkraft und radioaktiven Müll: "Wer von der Elektrizität profitiert, muss auch die Verantwortung für den Müll übernehmen. Und so ist es in Finnland. Wer Atomstrom nutzt, muss mit einem Aufschlag auch die Endlagerung mitbezahlen."

Geschätzte Baukosten für das Endlager: 3,5 Milliarden Euro. Atomstrom gehört mit einem Drittel zu einem festen Bestandteil des finnischen Energiemixes. Ein kleiner Teil kam dabei auch aus Russland. Doch Moskau stellte kurz nach dem NATO-Antrag des Landes die Stromlieferungen ein. 

Atommüllendlager Onkalo

Im Endlager geht es tief unter die Erde - die Stollen wurden Hunderte Meter in den Grund getrieben.

Russlands Reaktion verpufft

Nahe der finnisch-russischen Grenze liegt der Ort Lapeenranta. An der Technischen Universität gibt es einen ganzen Fachbereich zum Thema Nukleare Sicherheit. Juhani Hyvärinen leitet ihn. Dass Russland keinen Strom mehr liefert, ließe sich mit Importen aus Schweden leicht auffangen, meint er.

Finnland sei energiepolitisch besser aufgestellt als zum Beispiel Deutschland: "Unser Stromsystem besteht aus kontrollierbaren Teilen. Damit können wir immer sicherstellen, dass die Menschen in Finnland Strom bekommen. Unabhängig davon, was unsere Nachbarn machen."

Keine Sorge um die Sicherheit

Auch mit der Endlager-Frage seien sie hier immer nüchtern umgegangen. Sorgen um die Sicherheit? Nicht bei ihm.

Selbst vor Angriffen oder Sabotage sei der finnische Granit sicher. "Wenn die Brennstäbe in den Kapseln unter der Erde sind und die Tunnel wieder geschlossen werden, sind sie dort sicher verwahrt. Das Endlager liegt tiefer als jede für den Krieg gebaute Einrichtung. Es hält ganz sicher!"

Schacht für ausgedienten Brennelemente

In diese Schächte kommen die ausgedienten Brennelemente - die Endlager-Betreiber sind fest von der Sicherheit überzeugt.

Ein Job auf Dauer

Ein Ende der Atomkraft ist in Finnland nicht in Sicht. Das macht auch den Job von Liimatainen krisensicher.

In drei Jahren sollen hier die ersten Brennstäbe für immer versenkt werden. "Ich freue mich darauf, wenn es hier endlich losgeht", sagt er. "Dann haben wir der ganzen Welt etwas bewiesen." Im Endlager wird allerdings nur finnischer Atommüll landen. Andere Länder müssten sich schon selbst bemühen, meint Liimatainen.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie Im Weltspiegel - am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 03. Juli 2022 um 18:30 Uhr in der Sendung "Weltspiegel".