Packungen mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson | dpa

Johnson & Johnson-Impfstoff Hoffnung und Zweifel

Stand: 11.03.2021 10:21 Uhr

Die Empfehlung der EMA für den Impfstoff von Johnson & Johnson dürfte den Impfprozess in der EU beschleunigen. Voraussetzung aber ist, dass der Konzern rasch liefert. Daran gibt es Zweifel.

Von Stephan Ueberbach, ARD-Studio Brüssel

Wenn die Europäische Arzneimittelbehörde EMA heute für das Serum des US-Herstellers Johnson & Johnson grünes Licht gibt, womit gerechnet werden darf, stehen in der Europäischen Union vier Corona-Impfstoffe zur Verfügung.

Stephan Ueberbach ARD-Studio Brüssel

Anders als die schon zugelassenen Präparate von BioNTech-Pfizer, Moderna und AstraZeneca muss das Medikament von Johnson & Johnson nur einmal gespritzt werden. Eine Freigabe für den EU-Markt könnte also die Impfkampagnen deutlich beschleunigen, auch weil der Wirkstoff bei Kühlschranktemperaturen gelagert werden kann, etwa in einer Arztpraxis.

Peter Liese, CDU-Gesundheitsexperte im Europaparlament, sagt, der Impfstoff sei "sehr wirksam", die Nebenwirkungen seien "vertretbar". Aber, so führt Liese weiter aus: "Es gibt ein Problem: Der Konzern hat sich nämlich nicht dazu bekannt, sofort mit den Lieferungen für die EU zu beginnen."

Von der Leyen mit Vertrauen

Insgesamt 200 Millionen Einheiten hat die EU bei Johnson & Johnson bestellt, 55 Millionen sollen bis Ende Juni bereitstehen. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geht davon aus, dass der Hersteller seine Zusagen auch einhalten kann und spätestens im April mit der Auslieferung beginnt. "Johnson & Johnson versichert, dass die Zulieferketten ungehindert sein werden. Es ist Aufgabe des Unternehmens, die Lieferpläne einzuhalten. Johnson & Johnson hat sich bisher in allen Verhandlungen als sehr verlässlich gezeigt."

Ein pünktlicher Lieferstart sollte auch im Interesse des Herstellers sein, sagt Liese und verweist darauf, dass die Firma Johnson & Johnson auf dem lukrativen europäischen Markt einiges zu verlieren hat. "Denn sie sind auch ein Kosmetikkonzern und werden sich in Europa sehr unbeliebt machen, wenn sie den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger nicht entsprechen."

Nach Ansicht der EU-Kommission wird sich die Impfstoffversorgung bis zum Sommer aber ohnehin deutlich verbessern. Schließlich stehen auch die Wirkstoffe von CureVac aus Tübingen und Novavax aus den USA kurz vor der Zulassung.

Zweifel an Sputnik V

Beim russischen Serum Sputnik V wird die Entscheidung dagegen noch dauern. Vor dem offiziellen Zulassungsverfahren muss nämlich klar sein, dass die Vorteile des Impfstoffs größer sind als die Risiken - und die EMA hat mit der Prüfung gerade erst begonnen.

In Brüssel hält sich die Begeisterung über das russische Medikament allerdings in engen Grenzen, und zwar ganz unabhängig von seiner Qualität. Die Sorge ist nämlich groß, dass es Russland vor allem darum geht, mit Sputnik V Politik zu machen und die EU zu spalten.

Kein einheitliches Handeln

Was zum Teil ja bereits gelingt. In Ungarn etwa ist der Impfstoff per Notzulassung im Einsatz, wenn auch nur in kleinen Mengen. Tschechien und die Slowakei haben ebenfalls Interesse angemeldet, oder schon eingekauft, ohne die EU-weite Freigabe abzuwarten. Sehr zum Ärger anderer EU-Länder und gegen den Rat der Kommission.

Christian Ehler, industriepolitischer Fraktionssprecher der christdemokratischen EVP, sagt, es sei "eine Tragödie, dass sich manche EU-Länder und vor allem solche mit populistischen Regierungen, die sich zuerst geweigert haben, die Pandemie ernst zu nehmen, jetzt an Russland wenden und nicht verstehen, dass sie damit Teil einer politischen Operation werden, zumal noch fraglich ist, ob Moskau überhaupt in der Lage ist, genug Impfdosen zu liefern, um den nationalen Impfprogrammen zu helfen."

Auch die Europäische Kommission sieht Sputnik V nach vor skeptisch und unterstreicht, dass sie bisher nur Verträge mit Lieferanten abgeschlossen hat, die in Europa produzieren. Außerdem, so heißt es aus dem Von-der-Leyen-Team, ist die EU auch nach einer möglichen Marktzulassung nicht dazu verpflichtet, das russische Serum einzukaufen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. März 2021 um 11:00 Uhr.