Menschen sitzen im Außenbereich eines Cafés. | AFP

Erster Tag der Corona-Lockerungen Frankreich atmet auf

Stand: 19.05.2021 13:34 Uhr

Ab heute gelten in Frankreich weitgehende Corona-Lockerungen. Nach 200 Tagen Schließung dürfen nun Geschäfte, Theater und die Außengastronomie wieder öffnen. Experten warnen die Bürger aber vor Sorglosigkeit.

Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris

Endlich! Dieser 19. Mai ist in Frankreich ungeduldig erwartet worden. Denn ab heute dürfen sich die Franzosen wieder freier bewegen, ins Theater gehen, shoppen oder ein Mittagessen in einem Restaurant genießen.

Stefanie Markert ARD-Studio Paris

Daher haben viele für diesen Tag einen genauen Plan. "Gleich früh einen Kaffee mit meinen Freundinnen. Danach rein in die Boutiquen, um meinem Sohn Turnschuhe zu kaufen", sagt eine Pariserin. "Mittags setzen wir uns wieder auf eine Terrasse zum Essen und am Nachmittag und abends auch. Und das genießen wir bis 21 Uhr." Bis zur Ausgangssperre also, die zuvor schon ab 19 Uhr galt.  

Am Wochenende wolle sie dann auch noch mit einer Freundin in ein Restaurant gehen. "Das war ja monatelang unmöglich. Heute Abend aber wollen wir unten in unserem Bürohaus etwas trinken gehen. Die Barkeeper hatten es schwer und freuen sich bestimmt, uns zu sehen."

Seit rund sieben Monaten ohne Kundschaft

Das Wetter spielt leider nicht mit. In Paris soll es am Nachmittag gewittern. "Wir machen mit dem Außer-Haus-Verkauf erstmal weiter, denn bis 9. Juni dürfen wir ja nur den Außenbereich öffnen und es kann ja mal regnen", sagt Peio, der Oberkellner in Paris ist. "Der erste Tag wird bestimmt stressig, wir sind ja aus der Übung. Aber wir haben eine neue Karte vorbereitet, jeden Teller, jedes Glas geschrubbt, als würden wir ganz von vorn anfangen. Wir können es kaum erwarten."  

Auch in Bayonne ist für 17 Uhr Regen vorhergesagt. Nur 50 Prozent der Terrassenplätze dürfen hier vergeben werden und maximal sechs Personen an einem Tisch sitzen. Das weiß auch Kneipenwirt Xavier. "Seit rund sieben Monaten haben wir keine Kundschaft gehabt. Wir haben renoviert, neue Möbel bestellt, aber die sind noch nicht geliefert worden, na ja, so ist das bei uns", sagt Xavier. Dabei sei es gut, dass er in Frankreich lebe, sagt er. "Wir haben Hilfen vom Staat bekommen. So konnten wir die Miete bezahlen. Und jetzt bringen wir uns in Schwung."  

"Ein kollektiver Sieg"

Schwung wünscht sich auch die Regierung. "Das ist ein wichtiger Moment für unser Land. Die Wiedereröffnung soll ein Erfolg, ein kollektiver Sieg werden", sagt Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno le Maire. "Dafür unterstützen wir alle Restaurants, Cafés, Hotels und Geschäfte weiter, die wegen der Hygieneauflagen erneut Umsatzeinbußen haben werden." Zudem würden 15 Prozent der Lohnkosten im Juni, Juli und August übernommen, sagt der Minister.

Auch Theater und Kinos öffnen wieder. Nur 35 Prozent der Plätze dürfen hier vergeben werden. Für Museen und Ausstellungen gelten Quadratmeterregeln. Und Paris bietet sogar eine spektakuläre Neuheit: So öffnet ein Kunstmuseum in der alten Börse.

Ein Amerikaner in Paris ist hin und weg:  "Ich bin froh, wenn die Stimmung in der Stadt zurückkommt und wir Freundschaft und Geselligkeit wiederfinden", sagt er. "Wenn die Bars öffnen, wird das wohl Wahnsinn werden. Da halte ich mich zurück. Aber die Museen und Kinos - das wird cool."

Menschen sitzen in einem Kinosaal. | AFP

Auch die Kinosäle in Paris füllen sich nach den Corona-Lockerungen der Regierung wieder. Bild: AFP

Experten warnen vor Sorglosigkeit

In den wieder öffnenden Geschäften gelten geregelte Laufwege. Zudem wurden dort weitere Sicherheitsmaßnahmen getroffen. So messen Raumluft-Sensoren im großen Einkaufszentrum Vélizy bei Paris den CO2-Gehalt. "Übersteigt der den Wert von 800, werde ich alarmiert und schalte die natürliche oder mechanische Luft-Ventilation ein", sagt Jonathan Toulemonde, der im Einkaufszentrum die Technik kontrolliert.

Der Schweizer Epidemiologe Didier Pittet hat gerade im Auftrag von Präsident Macron einen Bericht vorgelegt, wie Frankreich die Pandemie meistert. Immerhin sinken Neuinfektionen und die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen. Über 20 Millionen Franzosen haben eine Impfdosis erhalten. Doch die Inzidenz liegt immer noch bei 140.

Hygieneregeln sollen eingehalten werden

"Die Hygieneregeln einzuhalten, bleibt wesentlich. Je mehr Menschen geimpft sind, desto besser können wir das Virus kontrollieren und alle Aktivitäten wieder öffnen", sagt Pittet. "Sommer und Herbst aber werden nicht normal sein, alles hängt von unserem Verhalten ab."

Heute aber wollen viele einmal durchatmen und sich was gönnen. "Das hier wird wohl unser letzter draußen gegessener Sandwich sein", prophezeit ein junger Mann. Auch ein kleines Mädchen freut sich auf einen Restaurantbesuch in Paris: "Ich will eine Pizza!"

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Mai 2021 um 12:00 Uhr.