Polizisten untersuchen die Absturzstelle eines unbemannten Militärflugzeugs russischer Bauart. | dpa

Möglicherweise russische Tupolev Rätsel um Absturz einer Drohne in Zagreb

Stand: 11.03.2022 17:34 Uhr

In Kroatien ist eine unbemannte Drohne abgestürzt. Es soll sich um ein "Militärobjekt russischer Bauart" handeln. Unklar ist, wo die Drohne herkam und wie sie unbehelligt den Luftraum mehrerer NATO-Staaten durchqueren konnte.

Von Srdjan Govedarica, ARD-Studio Wien

Zagreb in der vergangenen Nacht. Gegen 23 Uhr erschüttert ein lauter Knall einen Park im Stadtteil Jarun. Anwohner fliehen aus ihren Wohnungen, einige verbringen die Nacht im Freien. Verletzte gibt es nicht, einige geparkte Autos werden stark beschädigt. Zurück bleibt ein drei Meter breiter und einen Meter tiefer Krater und Trümmerteile, die weiträumig verstreut sind. Auf Fotos sind auch zwei Fallschirme zu sehen, die sich in Bäumen in der Nähe des Explosionsortes verfangen haben.

Srdjan Govedarica ARD-Studio Wien

Ein Student war Augenzeuge: "Wir waren auf dem Heimweg und haben dann ein rotes Licht gesehen und ein zischendes Geräusch gehört. Dann hat es plötzlich geknallt. Wir haben gesehen, dass Menschen fliehen - und ein Loch mit viel Metall drin."

Ermittlungen an Absturzstelle

Bereits am Morgen melden sich Waffenexperten zu Wort, die davon ausgehen, dass eine unbemannte Drohne abgestürzt sein könnte, die in der Ukraine eingesetzt wird. An der Absturzstelle ermitteln Experten des Innenministeriums und der Militärpolizei, der nationale Sicherheitsrat in Zagreb kommt zusammen.

Ministerpräsident Andrej Plenkovic bestätigt den Vorfall. Es habe sich um ein unbemanntes Militärobjekt russischer Bauart gehandelt: "Ich weiß im Moment nicht mit Sicherheit, ob es im Besitz der russischen oder der ukrainischen Armee war. Es ist aus Ungarn nach Kroatien gekommen", so Plenkovic. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban habe angegeben, es sei aus Rumänien nach Ungarn gekommen. "Warum das geschehen ist, ob es sich um einen Fehler handelt oder einen Kontrollverlust, können wir im Moment nicht mit Sicherheit sagen", so Plenkovic weiter.

Milanovic: "Ernster Zwischenfall"

Kroatiens Staatspräsident Zoran Milanovic geht nicht von einem gezielten Angriff auf Kroatien aus, spricht aber von einem ernsten Zwischenfall. "Das ist im Moment Gegenstand ernsthafter Ermittlungen, vor allem in den Ländern, in deren Lufträumen das Flugobjekt lange Zeit war. In Kroatien war es sehr kurz und es ist fraglich, ob wir mit unserer Ausrüstung überhaupt hätten etwas unternehmen können."

Inzwischen verdichten sich Hinweise, dass es sich bei dem Flugobjekt um eine Aufklärungsdrohne des Typs Tupolev m141 gehandelt haben könnte. Das sechs Tonnen schwere Gerät hat eine Reichweite von 1000 Kilometern und landet mit Hilfe von Fallschirmen. Nach Angaben des kroatischen Verteidigungsministeriums sei die Drohne von den 1960er- bis fast in die 1990er-Jahre produziert worden und werde auch heute noch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion eingesetzt.

Die ukrainische Botschaft in Zagreb gibt zum Vorfall nach Angaben kroatischer Medien keinen Kommentar ab. Im kroatischen Fernsehen meldet sich Markijan Lubkivsky zu Wort. Er war mal ukrainischer Botschafter in Kroatien und ist inzwischen Berater des ukrainischen Verteidigungsministers: "Das Fluggerät, das in Zagreb abgestürzt ist, gehört nicht der Ukraine. Ukrainische Fluggeräte haben andere Abzeichen. Wir werden unsere kroatischen Partner bitten, Ermittlungen einzuleiten, damit die Wahrheit festgestellt werden kann."

Hat das NATO-Luftverteidigungssystem versagt?

Offen bleibt die Frage, wie es passieren kann, dass eine solche Drohne ohne Gegenmaßnahmen den Luftraum gleich mehrerer NATO-Staaten durchquert und ob das zentral gesteuerte Luftverteidigungssystem der NATO versagt hat.

Ungarns Außenminister Peter Sijarto schrieb auf seiner Facebookseite, dass die ungarischen Behörden den Vorfall untersuchen würden. Ungarn sei diesbezüglich im engen Kontakt mit der NATO und Kroatien. Das rumänische Verteidigungsministerium bestätigt ebenfalls, dass sich ein "kleines Flugobjekt" knapp drei Minuten im nationalen Luftraum aufgehalten hat. Wegen der kurzen Zeit, der hohen Geschwindigkeit und der geringen Flughöhe, sei es nicht gelungen, das Flugobjekt zu identifizieren.

Luftüberwachung offenbar nicht gewarnt

Admiral Robert Hranj, Generalstaabschef der kroatischen Armee sagte, die kroatische Luftüberwachung sei nicht gewarnt worden, habe die Drohne während ihres etwa siebenminütigen Aufenthaltes im kroatischen Luftraum dennoch auf dem Schirm gehabt.

Warum es keine Abwehrreaktion gab, erklärt er so: "Wie Sie wissen, hat Kroatien eine Flugabwehr. Aber sie hat gewisse Einschränkungen. Deswegen ist eine intensive Modernisierung der Flugabwehr in Planung."

Über dieses Thema berichtete BR24 am 11. März 2022 um 13:03 Uhr.